Samstag, 20. Juli 2024

Neue Gentechnik: Kompromissvorschlag findet keine Mehrheit

Berlin. (eb) Ein Kompromissvorschlag der spanischen Ratspräsidentschaft zu neuen Techniken der Pflanzenzüchtung (Neue Genomische Techniken – NGT) hat bei einer Abstimmung im Rat für Ernährung und Landwirtschaft in Brüssel keine qualifizierte Mehrheit gefunden, berichtet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Dazu sagt Bundesminister Cem Özdemir (BMEL): «Wie künftig mit gentechnisch veränderten Pflanzen umgegangen wird, betrifft und berührt sehr viele Menschen in unserem Land und in Europa. Hier braucht es ausgewogene und für eine breite Mehrheit tragbare Lösungen. Der Rat hat die nötige Mehrheit nicht erreicht. Deutschland hat sich bei der Abstimmung enthalten.»

Wer gentechnikfrei wirtschaften wolle, müsse dies auch in Zukunft tun können. Europa brauche echte Wahlfreiheit über die gesamte Lebensmittelkette hinweg. Dafür brauche es Regeln für die Koexistenz, damit ein funktionierender, milliardenschwerer Markt nicht zerstört wird. Die Menschen wollten wissen, welche Produkte sie kaufen. Auch Patente durch die Hintertür dürfe es nicht geben, denn Patente auf Saatgut blockierten Innovationen und sorgten für Abhängigkeiten. Eine erneute Abstimmung über den Umgang mit NGT im Ausschuss der Ständigen Vertretung ist für den 21. Dezember 2023 vorgesehen.

Bioland: Die Kuh ist noch nicht vom Eis

Mainz. (bl) Der EU-Agrarrat hat erstmals über den Vorschlag der Europäischen Kommission zu neuen genomischen Techniken in der Pflanzenzüchtung abgestimmt. Dazu sagt Jan Plagge, Präsident des Bioland Verbands: «Es ist ein wichtiges Signal aus dem EU-Agrarrat, dass sich keine qualifizierte Mehrheit für den Kompromissentwurf der Ratspräsidentschaft finden ließ. Aber die Kuh ist noch lange nicht vom Eis. Zwar hat Cem Özdemir sich enthalten – doch was wir brauchen, ist eine klare Positionierung der gesamten Bundesregierung. Vor allem der Bundeskanzler muss halten, was er im Wahlkampf versprochen hat: auch für die neuen Gentechniken muss das Vorsorgeprinzip uneingeschränkt gelten. Jetzt gilt es auf allen Ebenen weiter dafür zu sorgen, dass Koexistenz, Risikoprüfung und Kennzeichnung sichergestellt werden.»

IVA: Bei aller Kritik im Detail – die Richtung stimmt

Frankfurt. (iva) Der Industrieverband Agrar (IVA) begrüßt die praxistauglichere Ausrichtung des von der Europäischen Kommission veröffentlichten Vorschlags zur Modernisierung des Gentechnikrechts. Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer hebt die Chancen der vorgeschlagenen Regulierung zur Zulassung von NGT-Pflanzen hervor: «Wir brauchen die nobelpreisgekrönte Genschere auch für eine resiliente Landwirtschaft in Europa. Die EU hat die Chancen erkannt und eine wichtige Weichenstellung vorgeschlagen. Bei aller Kritik im Detail – die Richtung stimmt. Europa folgt dem internationalen Vorbild und behandelt NGTs nicht mehr unsachgemäß. Jetzt gilt es, den Entwurf auf seine Praxistauglichkeit zu prüfen und im Dialog eine wettbewerbsfähige Regulierung für Züchtende jedweder Größe zu entwickeln, die gleichzeitig die Sicherheit für Mensch, Tier und Umwelt sicherstellt.» Mit NGT ließen sich die für den Klimawandel benötigten robusteren Pflanzen schneller und zielgenauer züchten, um die ambitionierten Klima-, Umwelt- und Ertragsziele schneller zu erreichen. Für die sich wandelnden klimatischen Bedingungen benötige auch Deutschland robuste, hitze- und krankheitsresistente Pflanzen.

Kommentar: Hand aufs Herz

Europa gehört zu den bevorzugten Regionen auf dem Globus, in denen sich die Menschen weit überwiegend satt essen können. Das ist nicht überall der Fall. Um die Ernährung weltweit zu sichern und einer wachsenden Weltbevölkerung bei zunehmendem Klimawandel öfter zu ermöglichen, ausreichend gesättigt und ernährt (!) den Tag zu beschließen, wird die Welt um den Einsatz der Neuen Genomischen Techniken – als ein Baustein unter mehreren – kaum herumkommen. Ernstzunehmende Agrarfachleute bezweifeln das schon lange nicht mehr. Das »A« und »O« in unserer bevorzugten europäischen Heimatregion ist eher, mit welcher Sorgfalt die Koexistenz gestaltet und eingehalten werden kann (Foto: pixabay.com).