Montag, 26. Februar 2024

VGMS Getreidetagung 2023: Viel ist jetzt zu tun

Berlin. (vgms) Unter der Überschrift «Stichwort Nachhaltigkeit: Was ist zu tun?» fand Ende Juni die 22. VGMS-Getreidetagung statt. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die pflanzliche Produktion beschäftigen die gesamte Wertschöpfungskette von der Züchtung über die Landwirtschaft und die Verarbeitung bis zu Lebensmittelhandwerk und -industrie sowie Handel und Verbraucher. Für die Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft wie für die gesamte Lebensmittelwirtschaft ist allen voran die Verknüpfung von Versorgungssicherheit und verantwortungsvoller Beschaffung nachhaltiger Rohstoffe das zentrale Thema. Ob und wie das gelingen kann, diskutierten Müller, Landwirte, Händler, Bäcker, Politik und Wissenschaft während der 22. VGMS-Getreidetagung in Weihenstephan.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die pflanzliche Produktion beschäftigen die gesamte Wertschöpfungskette: von der Züchtung über die Landwirtschaft, die Verarbeitung in Lebensmittelhandwerk und -industrie bis zum Handel und den Haushalten. Für die Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft wie für die gesamte Lebensmittelwirtschaft ist die Verknüpfung von Versorgungssicherheit und verantwortungsvoller Beschaffung nachhaltiger Rohstoffe das zentrale Thema. Nach einem ganzen Tag mit spannenden Diskussionen und vielen neuen Impulsen sind sich die Teilnehmer der VGMS-Getreidetagung einig: Der Klimawandel hat ohne Zweifel Auswirkungen auf die Getreidewertschöpfungskette, sie verlangen nach koordiniertem und zielgerichtetem Handeln. Dabei müssen alle Handlungsoptionen geprüft und intelligent verknüpft werden – eine «One Fits All-Lösung» kann es nicht geben.

Stefan Blum, Vorsitzender des Verbands Bayerischer Handelsmühlen, begrüßte die rund 70 Teilnehmenden auf der ausgebuchten VGMS-Getreidetagung im Asam-Saal auf dem Weihenstephaner Berg. Mit Blick auf den Titel der Tagung – «Stichwort Nachhaltigkeit: was ist zu tun?» – stellt er eingangs fest, dass das Bestehen vieler Familienunternehmen in der Müllerei über oft mehr als hundert Jahre bereits Ausweis von nachhaltigem Wirtschaften sei. Das Thema könne also mit Selbstbewusstsein angegangen werden: «Aber was ist konkret zu tun? Was ist wirklich nachhaltig? Was sind die formalen Auflagen der wachsenden Zahl an Gesetzen, Verordnung und sonstigen Regulierungen?»

Antworten auf die vielen Fragen suchten und formulierten die Vertreterinnen und Vertreter aus Züchtung, Müllerei, Landwirtschaft, Handel, Bäckerei, Politik und Wissenschaft in Weihenstephan. Dabei wurde klar, dass es für die Verknüpfung von Versorgungssicherheit und verantwortungsvoller Beschaffung nachhaltiger Rohstoffe nicht die eine Lösung geben kann, die für alle passt. Vielmehr sind viele Beiträge zu leisten und Handlungsoptionen zu kombinieren, um die Wertschöpfungsketten nachhaltiger zu machen.

Dr. Lorenz Hartl von der LfL Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising stellte in seinem Vortrag aktuelle Sortenversuche für Weizen, Roggen und Dinkel vor und leitet daraus Sortenempfehlungen für den Anbau ab. Hochaktuelles Thema in der Züchtung ist die Frage nach der Backqualität des Weizens, die vor allem anhand des Rohproteingehalts definiert wird. Viele Sorten weisen trotz geringem Rohprotein eine gute Backqualität auf. Sorten mit hohem Ertrag und gleichzeitig guter Backqualität nutzen Produktionsmittel effizient. Ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Einen Blick auf die Entwicklungen auf den Getreidemärkten warf Alfred Reindl vom Agrarhändler Josef Marschall GmbH in Schwaig. In diesem Jahr, so der Getreidehändler, stehen global Rekordernten für Mais und Weizen ins Haus – wenn denn das Wetter nicht noch einen Strich durch die Rechnung macht. Aber selbst die nie da gewesenen, absoluten Rekordernten werden, so die Prognosen, den weltweiten Bedarf nur gerade so decken. So wird derzeit jede Wettermeldung für die wichtigsten Getreideländer vom Markt nervös aufgenommen.

Ein neues Mikro-Analyseverfahren zur Teig- und Backanalytik, das sogenannte Rheokneten, hat Leonhard Vidal von der TU-München in Weihenstephan vorgestellt. Das Verfahren soll eine schnelle Erfassung von Mehl und Teig charakterisierenden Kennzahlen für die Qualitätsbewertung von Brotgetreide ermöglichen. Die hohe Korrelation der Ergebnisse des neuen Verfahrens zu denen realer Backversuche zeigt, dass ein Scale-Down sowohl des Fermentationsschritts als auch des Backens selbst auf den Maßstab der Rheometer-Messgeometrie möglich ist. Bisher werden für die Mehlcharakterisierung in der Praxis mehrere Analysengeräte sowie viel Zeit und Personal benötigt. Die Analyse von Mehl und Teigeigenschaften über das Rheokneten soll zu einer deutlichen Reduktion der Analysekosten beitragen und deutlich schnellere Ergebnisse bringen. Dies ist insbesondere auch für die Züchtung interessant, die mit wesentlich kleineren Mehlproben die Qualitäten neuer Sorten bestimmen kann. Auch dies ein Schritt um eine nachhaltigere Produktion zu ermöglichen.

Michael Berger vom WWF Deutschland zeigte Perspektiven für die Zukunft des Ackerbaus auf. In seinem Fazit sagte er: «Klimatisch, ökologisch und politisch verschärft sich die Lage für die Landwirtschaft. Eine reine Ertragsbetrachtung für die Leistungsfähigkeit des Sektors ist nicht mehr ausreichend. Vielmehr werden in Zukunft Ökosystemleistungen nachgefragt werden. Dazu ist es notwendig, die Anbausysteme weiter zu diversifizieren. Für diese Transformation ist es notwendig, politische und wirtschaftliche Anreizsysteme zu etablieren».

Bärbel Hintermeier, Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS, berichtete über neue Kriterien für die Auslobung von Nachhaltigkeitsleistungen und die anstehende europäische Regulierung umweltbezogener Aussagen. Letztlich geht es darum «Greenwashing» zu verhindern. «Green Claims» müssen sich künftig auf anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse beziehungsweise dem neuesten Stand der Technik stützen. Zugleich muss nachgewiesen werden, dass die Auswirkungen, Aspekte und Leistungen entlang des gesamten Lebenszyklus erheblich sind. Die Schaffung klarer Rahmenbedingungen für den Ausweis der «Umweltverträglichkeit von Produkten» ist sicherlich richtig, so Bärbel Hintermeier. Zweifel äußert sie hingegen darüber, ob der bürokratische Rechtsrahmen in seiner jetzigen Ausgestaltung tatsächlich zum Ziel führt.

Zaur Jumshudzade, Berater für Nachhaltigkeit und Klimaschutz bei BAT Agrar, berichtete über Möglichkeiten zur Berechnung und zur Reduktion des CO2-Fußabdrucks in der pflanzlichen Erzeugung. Er erklärte: «Die Herausforderungen der Berechnung der CO2-Fußabdrücke von agrarischen Rohstoffen auf Ebene des landwirtschaftlichen Betriebs sind groß. Bei der Erstellung von Klimagasbilanzen muss der gesamte Treibhausgas-Rucksack betrachtet werden. Das bedeutet, dass sowohl der Betriebsmittelbereich als auch die Umsetzungsprozesse im Betrieb erfasst werden müssen. Immer mehr Verarbeiter fordern Daten, hier kann der Erfassungshandel eine wichtige Dienstleistungsfunktion übernehmen.»

«Wie werden wir künftig wirtschaften und «welcher Weg führt zur regenerativen Lebensmittelwirtschaft» fragte Lutz Wildermann, Agrarökonom und Head of Agriculture bei Klim, in seinem Vortrag. «Fast überall wo Wirtschaftsleben stattfindet, fallen Emissionen an. Wir können diese Emissionen aber reduzieren. Und hier sehen wir, dass das Wertversprechen ‘Gut für den Landwirt und gut für das Klima’ in immer größer werdenden Milieus und Verbraucherschichten sehr gut ankommt. Das bestätigt uns darin, dass wir Klimaschutz sukzessive vom Kostenfaktor in ein attraktives Geschäftsmodell wandeln können.»

Die Getreidetagung wird vom VGMS gemeinsam mit dem Bayerischen Müllerbund und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft LfL in Zusammenarbeit mit der TU-München veranstaltet (Foto: pixabay.com).

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