Donnerstag, 1. Oktober 2020

WBAE: Plädoyer für eine moderne Ernährungspolitik

Berlin. (wbae / eb) Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat vor wenigen Tagen seine Empfehlungen für eine nachhaltigere Ernährung vorgestellt. Das Gutachten «Politik für eine Nachhaltigere Ernährung: eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten» umfasst mit allem Drum und Dran 879 Seiten. Der Umfang erklärt sich aus dem Anspruch des Beirats, nachvollziehbar darzulegen, weshalb der WBAE für eine umfassende Neuausrichtung und Stärkung des Politikfelds Ernährung plädiert. Das vollständige Gutachten gibt es auf der BMEL-Homepage im Format PDF zum Download (879 Seiten | 20’497 KB).

Das Gutachten lässt nichts aus, was zu einem modernen Begriff von Ernährung gehört. Viele Tabellen und Grafiken unterstützen die Argumentation. Dem Wissenschaftlichen Beirat ist mit seinem Werk eine umfassende, schnörkellose und vor allem ehrliche Betrachtung gelungen, die sich zu lesen lohnt. Andererseits: Wer hat heute noch Zeit für 879 Seiten? Glücklicherweise hat der WBAE seinen Ausführungen eine Zusammenfassung vorangestellt. Diese Kurzfassung von 27 Seiten haben wir aus dem Gutachten extrahiert und auf 552 Kilobyte eingedampft. Das heißt, dass die enthaltenen Grafiken zwar nicht mehr gestochen scharf rüberkommen, der Text aber noch vollständig lesbar ist. Diesen Text sollte lesen, wer sich für Ernährungspolitik interessiert und wissen will, wohin die Reise in den kommenden Jahren geht.

«Hoffentlich geht», weil der WBAE eine moderne und zukunftsgerichtete Ernährungspolitik beschreibt, die in Deutschland seit vielen Jahren ausgebremst wird, um Besitzstände nicht zu gefährden. «Hoffentlich», weil das BMEL traditionell seine Rolle so versteht, dass Besitzstandswahrung vor Verbraucherschutz geht. «Hoffentlich», weil es völlig neu wäre, würde sich an diesem Verständnis etwas ändern. «Hoffentlich», weil der Wissenschaftliche Beirat auch der aktuellen Ministerin an der BMEL-Spitze mit seinem Gutachten ein grottenschlechtes Zeugnis ausstellt. Tatsächlich enthält das Gutachten viele Elemente, die in anderen europäischen Ländern längst in Angriff genommen wurden, in Deutschland aber nach wie vor ausgesessen werden. «Hoffentlich», weil jede weitere Weigerung, Realitäten anzuerkennen, Folgekosten produziert, die nachfolgende Generationen nur noch schwer stemmen können.

Zudem muss jeder ernährungspolitisch Interessierte aufpassen, dass das vorliegende Gutachten nicht in der Versenkung verschwindet. Auf die Idee kann kommen, wer sich die Umstände der Veröffentlichung dieses Werks ansieht – an einem Freitag, wo sich der Politikbetrieb und die übliche Presse-Entourage fast schon ins Wochenende verabschiedet haben. In einem Ausgabe-Format, das es grundsätzlich schwer macht, daraus zu zitieren oder/und Fakten zusammenzufassen. Gekrönt durch eine Mitteilung von Bundesministerin Julia Klöckner (BMEL), in der sie sich herzlich für die Arbeit des Wissenschaftlichen Beirats bedankt – sowie den Rückenwind für die Ernährungspolitik ihres Ministeriums. Gleich mehrere Kritiker fragten sofort, ob das ein- und dieselbe Veranstaltung gewesen sein kann. Schließlich blies der Sturm der Wissenschaft der Ministerin an diesem Freitag, den 21. August, ziemlich frontal ins Gesicht. Die Verbraucherorganisation Foodwatch diagnostizierte umgehend Realitätsverweigerung. Der WebBaecker geht davon aus, dass die Ministerin nur ein paar Nettigkeiten fand, weil ihr zwar der Titel, nicht aber der Inhalt bekannt ist: Geballte Kompetenz auf 879 Seiten, von denen sich jede einzelne zu lesen lohnt.

Die Redaktion will zur Verbreitung des WBAE-Gutachtens bestmöglichst beitragen. Deshalb haben wir die verfügbaren Unterlagen in ein Format übersetzt, das durch Suchmaschinen leicht aufzufinden und für Unterstützer einer zeitgemäßen Ernährungspolitik leicht zu zitieren ist. Wie auch immer: Das Gutachten bleibt umfangreich. Nachfolgend beginnen wir mit dem Vorwort, das der Wissenschaftliche Beirat seinem Werk vorangestellt hat. Der zweite Teil dieser Erörterung (Kapitel 9 des Gutachtens) ist aufzufinden unter der Überschrift «WBAE: Empfehlungen für eine moderne Ernährungspolitik». Lang aber lesenswert.


WBAE Gutachten 2020: Politik für eine Nachhaltigere Ernährung

Vorwort des Wissenschaftlichen Beirats zu einem 879 Seiten starken Pladoyer

«Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, beeinflusst wesentlich unseren individuellen Gesundheitsstatus, unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden. Viele Lebensmittel tragen einen großen sozialen, umwelt-, klima- und tierschutzbezogenen Fußabdruck. Politik für nachhaltigere Ernährung ist in diesem Gutachten definiert als eine Politik, die alle vier Zieldimensionen integriert: Gesundheit, Soziales, Umwelt (einschließlich Klima) und Tierwohl (Abb. ZF-1). Die Herausforderungen, eine nachhaltigere Ernährung zu verwirklichen, sind groß. Die notwendigen Fortschritte werden nur mit einer umfassenden Transformation des heutigen Ernährungssystems erreichbar sein.

20200821-WBAE-GUTACHTEN-ERNAEHRUNG-2020-ABB-ZF1
Abbildung ZF-1 (Quelle: WBAE).

«Die Frage, was eine nachhaltigere Ernährung ausmacht, ist schwieriger zu beantworten, als in der Öffentlichkeit vielfach vermutet wird. Gleichzeitig sind wir als Konsumentinnen und Konsumenten mit Ernährungsumgebungen konfrontiert, die ein nachhaltigeres Einkaufen und Essen erschweren. Vor diesem Hintergrund empfiehlt der WBAE, Verbraucherinnen und Verbraucher durch die Gestaltung angemessener Ernährungsumgebungen bei der Realisierung einer nachhaltigeren Ernährung deutlich stärker als bisher zu unterstützen. Dazu gilt es erstens, solche Faktoren in den heute vorherrschenden Ernährungsumgebungen, die eine nachhaltigere Ernährung erschweren (zum Beispiel große Portionsgrößen, hohe Werbeausgaben für ungesunde Lebensmittel), zu reduzieren. Dazu gilt es zweitens, mehr gesundheitsfördernde, sozial-, umwelt- und tierwohlverträgliche Wahlmöglichkeiten zu bieten, ein Erkennen nachhaltigerer Varianten zu erleichtern, einen einfacheren Zugang zu Informationen zu ermöglichen und Preisanreize zu setzen, die es naheliegender machen, die nachhaltigere Wahl zu treffen.

«Der WBAE bezeichnet solche Ernährungsumgebungen als fair, weil und insofern sie (1) auf unsere menschlichen Wahrnehmungs- und Entscheidungsmöglichkeiten sowie Verhaltensweisen abgestimmt sind und (2) gesundheitsfördernder, sozial-, umwelt- und tierwohlverträglicher sind und damit zur Erhaltung der Lebensgrundlagen heutiger und zukünftig lebender Menschen beitragen. Bestehende Rahmenbedingungen sind in Deutschland wenig hilfreich, die Verantwortung wird zu stark auf das Individuum verlagert, und viele verfügbare Unterstützungsinstrumente werden nicht genutzt. Deutschland ist, wie in diesem Gutachten aufgezeigt wird, in dieser Hinsicht im europäischen Vergleich Nachzügler. Der Verweis auf die Notwendigkeit von fairen Ernährungsumgebungen impliziert, dass eine Politik für nachhaltigere Ernährung in Deutschland deutlich mehr und eingriffstiefere Instrumente wie beispielsweise Lenkungssteuern heranzieht. Mit dem vorliegenden Gutachten legt der WBAE Empfehlungen für wichtige Schritte hin zu fairen Ernährungsumgebungen vor. Ein zentraler Ansatzpunkt ist eine qualitativ hochwertige und beitrags- freie Kita- und Schulverpflegung.

«Der WBAE empfiehlt eine umfassende Neuausrichtung und Stärkung des Politikfeldes Ernährung, das die vier Nachhaltigkeitsdimensionen Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl integriert. Es bedarf eines lernenden Politikansatzes, basierend auf langfristigen, überprüfbaren Zielen. Der notwendige Instrumentenmix sollte konsequent erprobt, evaluiert und evidenzbasiert angepasst werden. Dies erfordert eine stärkere Vernetzung zwischen den Ressorts (insbesondere Ernährung und Landwirtschaft, Gesundheit, Umwelt) und zwischen den verschiedenen Politikebenen (von der Kommune bis zur EU) sowie den Ausbau personeller Kapazitäten mit deutlichen Budgeterhöhungen für die Ernährungspolitik.

20200821-WBAE-GUTACHTEN-ERNAEHRUNG-2020-ABB-ZF2
Abbildung ZF-2: zum Vergrößern bitte anklicken (Quelle: WBAE).

«Die vorgeschlagene integrierte Ernährungspolitik mit aufeinander abgestimmten, zum Teil deutlich eingriffstieferen Maßnahmen als bisher (Abb. ZF-2: Zentrale Politikempfehlungen des Gutachtens) stellt einen wichtigen und notwendigen Schritt dar, um unsere Gesundheit, unsere Umwelt und unser Klima zu schützen, Ernährungsarmut zurückzudrängen, soziale Mindeststandards einzuhalten und das Tierwohl zu erhöhen. Faire Ernährungsumgebungen schützen uns alle und nützen uns allen. Die Realisierung der empfohlenen Maßnahmen erfordert erhebliche staatliche Mehrausgaben. Im Verhältnis zu den derzeitigen und zukünftig zu erwartenden hohen gesellschaftlichen und individuellen (Folge)Kosten unserer gegenwärtigen Ernährung stellen diese Mehrausgaben jedoch eine gesamtgesellschaftlich gebotene Investition dar. Eine zeitliche Verschiebung der erforderlichen Neuausrichtung würde sowohl die zu adressierenden Problemlagen als auch den erforderlichen Anpassungsbedarf verschärfen. Die in diesem Gutachten vorgelegte Analyse zeigt:

«Eine umfassende Transformation des Ernährungssystems ist sinnvoll, sie ist möglich und sie sollte umgehend begonnen werden (Grafiken: WBAE).»


Hinweis: Teil 2 dieser Erörterung ist zu finden unter der Überschrift «WBAE: Empfehlungen für eine moderne Ernährungspolitik». Lang aber lesenswert (Titelfoto: BMEL).