Mittwoch, 4. August 2021

von Allwörden: Bewegte Zeiten für einen Großfilialisten

Neumünster / Mölln. (eb) Wie geht es dem Bäckereigeschäft der Edeka Nord eG? Zur Erinnerung: Ende 2018 gingen die Genossen eine Minderheitsbeteiligung an der Bäckerei von Allwörden mit Zentrale in Mölln ein. Mit der Kooperation stellte sich die Regionalgesellschaft im Backwarensegment sozusagen neu auf und profitiert seither vom modernen Vertriebsnetz, den neuwertigen Produktionsmöglichkeiten und vor allem der Backwarenkompetenz der Allwörden-Gruppe – ausführlich nachzulesen unter Edeka Nord beteiligt sich an Bäckerei von Allwörden von Dezember 2018.

Die bundesdeutschen Berichtspflichten bringen es mit sich, dass Mitte 2021 nicht viel mehr bekannt ist, als bis Ende 2019 zu dokumentieren war. Glücklicherweise gibt es immer mehr Unternehmen, die ihre Berichtspflicht nicht mehr nur als Pflicht betrachten. Sondern die Chance sehen, den Verlauf eines Jahres ins Verhältnis zu den erreichten Zahlen zu setzen und darüber zu reflektieren. Für die ehemalige Edeka Nord Beteiligungs GmbH war 2019 ein ereignisreiches Jahr, so dass die Reflektion ausführlich ausfällt. Angesichts dessen, dass der Bericht vermutlich unter dem Eindruck des Pandemie-Jahrs 2020 verfasst wurde, fällt auch die Prognose 2020 ziemlich ausführlich aus. Das Licht der Öffentlichkeit erblickte der Bericht im März 2021 und umfasst die Zeitspanne von März bis Dezember 2019 (neun Monate).

Grundlagen

Neue Konzernstrukturen haben im März 2019 die Edeka Nord Beteiligungs GmbH abgelöst. Die neuen Strukturen sind umgangssprachlich zusammengefasst zur «von Allwörden-Gruppe» – ein am Markt gut positioniertes, erfolgreich expandierendes Familienunternehmen mit über 100-jähriger Tradition.

Mit rund 2.300 Mitarbeitenden und über 500 Filialen in Schleswig-Holstein, Hamburg, dem nördlichen Niedersachsen und in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns gehört die Gesellschaft heute zu den größten Handwerksbäckereien im Norden. Dabei ist sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und bedeutender Arbeitgeber in der Region.

Der Konzernumsatz betrug von März bis Dezember 2019 etwa 134 Millionen Euro. Zum Bilanzstichtag zählte die von Allwörden-Gruppe 503 Filialen. In 2019 gab es 28 Neueröffnungen und 26 Schließungen von Filialstandorten. Regional teilen sich die Filialen wie folgt auf: 248 Filialen in Schleswig-Holstein, 196 Filialen in Hamburg, 23 Filialen in Mecklenburg- Vorpommern sowie 36 Filialen in Niedersachsen. Zum Jahresende waren davon 234 Filialen an Franchisenehmer verpachtet. Dies entspricht einer Quote von 46,5 Prozent.

Das Geschäftsjahr 2019 war vor allem durch die Integration der rund 100 Filialen der Dallmeyers Backhus GmbH geprägt (das erwähnte Backwarengeschäft der Edeka Nord eG). Es wurde eine Optimierung der Filialstruktur vorangetrieben, welche die sich verändernden Kundenansprüche adaptieren und das Feld des Außer-Haus-Markts besser erschließen. Weiter forciert wurde in diesem Zusammenhang auch das gastronomische Angebot in Form von Snacks, Salaten und warmen Speisen.

Ertragslage

Bei einer Gesamtleistung von 134,1 Millionen Euro belief sich das Rohergebnis auf 114,5 Millionen Euro. Der Personalaufwand betrug insgesamt 49,0 Millionen Euro. Die durchschnittliche Mitarbeiterzahl belief sich auf insgesamt 2.313 Arbeitnehmer (einschließlich Auszubildender). Die Abschreibungen auf das Anlagevermögen betrugen im Geschäftsjahr insgesamt 10,2 Millionen Euro. Davon entfielen 0,3 Millionen Euro auf immaterielle Wirtschaftsgüter, 3,2 Millionen Euro auf Sachanlagen, 1,3 Millionen Euro auf im Rahmen der Erstkonsolidierung neubewerteten Sachanlagen sowie 5,4 Millionen Euro auf die im Rahmen der Erstkonsolidierung aufgedeckten Geschäfts- oder Firmenwerte. Die sonstigen betrieblichen Aufwendungen beliefen sich im Geschäftsjahr 2019 auf 56,7 Millionen Euro. Darin enthalten waren Filialmieten und Raumkosten in Höhe von 29,8 Millionen Euro sowie Aufwendungen für Mietleasing von Filialausstattungen in Höhe von 5,9 Millionen Euro. Die Zinsaufwendungen des Holding-Konzerns beliefen sich auf 0,8 Millionen Euro. Nach Verrechnung des Steueräufwands für laufende Ertragsteuern (1,7 Millionen Euro) und für sonstige Steuern (-0,3 Millionen Euro) wird für das abgelaufene Geschäftsjahr ein Konzernjahresfehlbetrag von 4,2 Millionen Euro ausgewiesen. Die Konzernbilanzsumme des Geschäftsjahrs 2019 beträgt 118,4 Millionen Euro, das Eigenkapital 67,4 Millionen Euro.

Branchenspezifische Risiken

Das Auftreten von Discount-Bäckereien als Marktteilnehmer wird auch weiterhin zu einer Verschärfung des Wettbewerbs im Bereich Backwaren führen. Discount-Bäckereien bieten jedoch nur ein schmales Sortiment von Backwaren in relativ einfach ausgestatteten Läden an und unterscheiden sich damit deutlich von der Firmenphilosophie der von Allwörden-Gruppe, die von handwerklich hoher Qualität, gutem Service und Produkt-Vielfalt geprägt ist. In Kombination mit Regionalität, einer guten Ausbildung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie einem freundlichen und kompetenten Service nutzt die von Allwörden-Gruppe ihre Möglichkeiten, um sich gegenüber Discount-Ware und -Anbietern abzugrenzen. Darüber hinaus plant die von Allwörden-Gruppe, wie schon in den Jahren zuvor, für die nächsten Jahre weiterhin verstärkte Marketingaktivitäten, die das Profil der Marken «von Allwörden», «Nur Hier», «Knaack» und «Dallmeyers Backhus» weiter schärfen sollen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Marketingkampagne fortgesetzt, die die Regionalität der eigenen Produkte in den Vordergrund stellt.

Erfahrungen aus der Covid-19-Pandemie

Seit März 2020 beherrscht die weltweite Ausbreitung der Covid-19 Virusinfektion den Alltag und die wirtschaftliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund gesetzlicher Anordnung mussten im Frühjahr 2020 während eines zweimonatigen sogenannten Lockdowns die Café-Bereiche aller Filialen der von Allwörden-Gruppe geschlossen werden. Der Verkauf von Brot und Backwaren, Snackartikeln sowie Kaffeespezialitäten konnte als systemrelevant jedoch weiterhin ungehindert stattfinden. Die stark reduzierte Mobiliät von Arbeitnehmenden, Schülern (m/w/d) und Studenten (m/w/d) durch home-office und home-schooling waren ebenso wie die reduzierte touristische Reisetätigkeit anhand von Umsatzeinbußen -besonders bei Snacks, Kaffeespezialitäten und Konditorwaren – vor allem an Hochfrequenz-Standorten teilweise deutlich zu spüren. Inzwischen belaufen sich die Tagesumsätze an nahezu allen Standorten wieder auf über 90 Prozent des Vorjahrs (Stand März 2021). Der für November 2020 verfügte zweite Lockdown wird vermutlich nicht so drastische Kundenrückgänge zur Folge haben wie im Frühjahr, da dieses Mal die Geschäfte des Einzelhandels geöffnet bleiben und Einkaufspassagen und Innenstädte belebter bleiben werden, so dass eine Forcierung des to-go-Geschäfts zumindest einen Teil der Umsatzrückgänge auffangen kann. In jedem Fall werden die Umsatzeinbußen spürbar, aber nicht bestandsgefährdend sein. Inwiefern und in welcher Höhe die Gesellschaften des Holding-Konzerns staatliche Hilfen während dieses zweiten Lockdowns erhalten werden, bleibt abzuwarten (Stand März 2021).

Maßnahmen zum Management der Pandemie

Gleich unmittelbar zu Beginn der Pandemie hat die Geschäftsleitung der von Allwörden-Gruppe Maßnahmen eingeleitet, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Café-Schließungen so gering wie möglich zu halten. Hierzu gehören die sofortige Einführung und Umsetzung von Hygienekonzepten zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs ebenso wie die zeitweise Reduzierung von Personal in Verkauf und Produktion mit Hilfe von Kurzarbeit. Weiterhin die tägliche Bewertung der Rentabilität einzelner Standorte und daraus folgend auch die zeitweise Schließung einzelner Filialen während des Lockdowns. Zur Sicherung der Liquidität des Konzerns wurden im Frühjahr Stundungsmöglichkeiten bei Finanzamt, Sozialversicherungsträgern und teilweise auch bei Vermietern genutzt. Sämtliche gestundeten Beträge sind jedoch schon im Sommer 2020 zurückgeführt worden. Der Zahlungsmittelbestand der von Allwörden-Gruppe lag im Schnitt in den Monaten Januar bis Oktober 2020 bei über 9,5 Millionen Euro, Die Liquidität war stets gesichert, der Konzern konnte allen seinen Zahlungsverpflichtungen jederzeit vollumfänglich nachkommen.

Prognose im Licht der Covid-19-Pandemie

Ziel der von Allwörden-Gruppe wird es sein, die erfolgreiche und bewährte Tradition der über 100-jährigen Unternehmensgeschichte der Bäckerei von Allwörden zu bewahren, für strategische Kontinuität zu sorgen und sich gleichzeitig den neuen Herausforderungen eines sich ständig verändernden Marktes zu stellen. Aufgrund des bisherigen Geschäftsverlaufs ist festzustellen, dass das Jahr 2020, trotz der Anknüpfung an die positive Entwicklung der vergangenen Jahre, durch die Covid 19-Pandemie so einschneidende Restriktionen erlebt, dass die Unternehmensziele neu zu definieren sind (Stand März 2021). Die Geschäftsleitung sieht jedoch den Konzernverbund aufgrund der bisherigen Erfahrungen gut aufgestellt, hinsichtlich der weiteren Entwicklungen in 2020 und 2021. Für das Geschäftsjahr 2020 plant die Holding mit Konzernumsatzerlösen (unkonsolidiert) von 172,9 Millionen Euro – nach 185,7 Millionen Euro (unkonsolidiert) in der Zeit von Januar bis Dezember 2019. Als Ergebnis vor Steuern und neutralen Abschreibungen (Abschreibungen auf Firmenwerte und aufgedeckte stille Reserven) sind ohne weitere Verschärfung des Lockdowns und bei aktueller Einschätzung der öffentlichen Überbrückungshilfe minus 3,0 Millionen Euro geplant.

Schlussfolgerung

Auch wenn die hier verwendeten Zahlen schon ein wenig betagt sind wie eingangs erwähnt, ergibt sich doch ein stimmiges Bild zu wirtschaftlich gesunden Bäckereifilialisten in Zeiten der Pandemie. Beruhigend zu wissen, dass die Umsatzeinbußen durch Covid-19 bisher «nur» spürbar sind und nicht bestandsgefährdend. Das heißt aber nicht, dass die Qualitätsbäcker der Republik in dem Tempo in den alten Trott zurückfallen würden, wie die Pandemie langsam wieder abflaut. Die Bedeutung von Profilschärfung und Markenpflege wird weiter zunehmen. Die Bedeutung von Multichannel und einem zweiten Standbein auch (Foto: pixabay.com).