Sonntag, 19. September 2021

VGMS: über die Wertschöpfungskette mit Blick auf den Green Deal

Berlin. (vgms) Bei der «Getreidetagung aus Weihenstephan» des Verbands der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) diskutierten Anfang Juli rund 80 Teilnehmende aus Müllerei, Getreidewertschöpfungskette, Wissenschaft, Ministerien und Verbänden Aspekte des Zukunftsthemas Nachhaltigkeit. Gerade mit Blick auf die eingeschränkte Stickstoffdüngung oder die zunehmenden Wetterextreme werden Züchtung und Sorteneigenschaften immer wichtiger. Neue Sorten müssen backfähig und klimaresistent sein. Lorenz Hartl von der Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft LfL in Freising stellte die wichtigsten neuen Brotgetreidesorten vor. Bärbel Hintermeier vom VGMS führte in den «Product Environmental Foodprint PEF» und dessen Rolle im Rahmen des europäischen Green Deals ein. Die Datenlage zur Bestimmung von Umweltwirkungen landwirtschaftlicher Rohstoffe ist noch nicht ausreichend, um wirklich belastbare Aussagen zu treffen. Anna Karer stellte dazu den im Aufbau befindlichen «Klima-Check Weizen» der LfL vor, mit dessen Hilfe eine Emissionsbilanz für den Weizenanbau erstellt werden kann.

Nachhaltige Brotgetreidesorten weisen auch bei geringem Protein- und Klebergehalt eine gute Backqualität auf

Obwohl schon lange in der Diskussion, wird die Qualität des Weizens am Getreidemarkt weiter vor allem über den Rohproteingehalt definiert. Mit neuen Weizensorten, die eine hervorragende Proteinqualität aufweisen, ist es möglich, auch bei verringerter Stickstoffdüngung und niedrigerem Proteingehalt gute Backqualitäten zu erzielen, berichtet Lorenz Hartl von der Lfl in Freising. Letztlich wird es nur mit solchen Sorten gelingen, die Herausforderungen, die Düngeverordnung und Klimawandel für Getreidebauern, Müller und Bäcker bedeuten, zu meistern. Solche besonderen Sorteneigenschaften machen einen besonders effizienten und nachhaltigen Brotgetreideanbau möglich. Die notwendige konsequente Trennung der Sorten in der Erfassung und Lagerung ist schon lange Thema in der Getreidekette. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass die Müller beste Backqualitäten bei geringerem Proteingehalt – und damit reduziertem Einsatz von Stickstoffdüngern – herstellen können.

Ökologischer Fußabdruck: Vieles für die Branche noch offen

Dass es hochkomplex ist und bleibt, den ökologischen Fußabdruck für Produkte fair, vergleichbar und rechtssicher anzugeben, zeigte Bärbel Hintermeier, Referentin im VGSM, in ihrem Vortrag zum «Product Environmental Footprint PEF» und Green Claims. Die Nachhaltigkeit von Produkten gewinnt nicht nur als Verkaufsargument zunehmend an Gewicht, sondern ist auch auf dem Weg Europas zu einer nachhaltigen Zukunft im Green Deal verankert.

Grundsätzlich bietet das Thema Chancen für die Getreide-Wertschöpfungskette. Nachhaltigkeitseigenschaften auf Produkten deutlich sichtbar zu machen, ist und bleibt eine große Herausforderung, erfordert sie doch eine transparente Berechnung sowie faire Maßstäbe auf allen Erzeugungsstufen. Die bisher am Markt verwendeten Berechnungsmodelle sind aufgrund unterschiedlicher Zielsetzungen und Betrachtungsweisen schlecht vergleichbar. Um Umweltauswirkungen von Waren und Dienstleistungen zukünftig besser identifizieren, sichtbar und vergleichbar zu machen sowie letztlich zu verringern, hat sich die EU auf eine einheitliche Methode, den «Product Environmental Foodprint PEF» festgelegt. Auch hier ist der Katalog an Kriterien umfassend und viele Primärdaten zur Berechnung stehen noch nicht zur Verfügung.

Der PEF wird die gesamte Getreidebranche beschäftigen. Für einzelne Unternehmen ist die Bestimmung des PEF eine echte Herausforderung, da wesentliche Daten zu dessen Berechnung in den Vorstufen gewonnen werden müssen. Da es möglich ist, auch Branchendurchschnittswerte zu verwenden, arbeitet der europäische Mühlenverband ­ European Flour Millers EFM an einem Projekt, um solche Daten für die gesamte Branche zuverlässig erheben zu können.

Erste Wege für eine Datenerhebung in der Landwirtschaft, zumindest was die Emission von Treibhausgasen beim Anbau betrifft, stellte Anna Karer von der LfL vor. Im Deckungsbeitragsrechner lassen sich nun auch Emissionsminderungspotentiale berechnen. Der neue «Klima-Check» ist noch im Aufbau, für Weizen lässt sich der Klima-Check aber bereits durchführen. Hier zeigt sich, dass vor allem die Düngung große Auswirkungen auf die CO2-Emission hat, hier gilt es die die Stellschrauben zu nutzen.

Neue Nachweismethode zur Unterscheidung von Dinkel und Weizen

Die Nachfragen nach Dinkelerzeugnissen steigt seit Jahren – zur Freude von Landwirten und Müllern. Mit steigendem Dinkelanbau und zunehmenden Einsatzmöglichkeiten gewinnt das Thema Differenzierung zwischen den eng verwandten Weizenarten Weichweizen und Dinkel an Bedeutung. Hans-Ulrich Waiblinger vom CVUA in Freiburg und Dr. Patrick Gürtler vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit LGL stellten eine neue Methode zum Nachweis und zur Quantifizierung von Weichweizen in Dinkelerzeugnissen vor.

Die neue Methode funktioniert über eine Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR-Methode). Hierbei wird nach einzelnen «Punktmutationen» gesucht, in denen sich Weizen und Dinkel unterscheiden. Neu ist, dass die Proben in einer sogenannten «digitalen PCR» untersucht werden. Das Testmedium wird hierzu in Tröpfchen aufgeteilt, wobei in jedem Tröpfchen ein eigener PCR-Test stattfindet. Ist die gesuchte DNA im Tröpfchen enthalten, beginnt das Tröpfchen zu leuchten. Leuchtende Tröpfchen bekommen eine Eins, nicht leuchtende eine Null, daher auch der Name digitale PCR. Aus dem Verhältnis von Null und Eins wird auf den Gehalt der gesuchten DNA im Ursprungs-Produkt zurückgerechnet. Was sich so einfach anhört ist im Detail hoch komplex. Eine zuverlässige Bestimmung der Anteil von Weizen in Dinkel ist für alle Marktteilnehmer allerdings von immenser Bedeutung.

Die «Getreidetagung in Weihenstephan»

Die Getreidetagung in Weihenstephan wird seit über zwei Jahrzehnten vom Verband Deutscher Mühlen – später vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS – gemeinsam mit dem Bayerischen Müllerbund und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit der TU-München durchgeführt. Die Tagung kurz vor der Ernte hat sich über viele Jahre als eine über die Branche hinaus bekannte und erfolgreiche Diskussionsplattform zu aktuellen Themen des Ackerbaus und der Getreidewertschöpfungskette etabliert. Denn gemeinsame Herausforderungen können nur zusammen in der Wertschöpfungskette gelöst werden (Foto: pixabay.com).