11. August 2020

Unverzichtbar: Grüner Wasserstoff als Erdöl von morgen

Bremerhaven. (eb) Windenergie spielt in Bremen und umzu eine große Rolle. In Bremerhaven-Luneort steht zum Beispiel eine Testwindkraftanlage von Fraunhofer IWES und WeserWind, die für sich beanspruchen kann, zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme im Sommer 2017 größte Windkraftanlage der Welt gewesen zu sein. Keine Ahnung, ob sie das immer noch ist. Ein kleineres Offshore-Windenergieanlagen-Testfeld liegt in Bremerhaven-Lehe an der Autobahn A27 und ein größerer Testwindpark für Offshore-Windkraftanlagen weiß im Überseehafen zu beeindrucken. Das ist jedoch alles nichts im Vergleich zu den Offshore-Windparks in der Nordsee, für die in Bremerhaven viel Grundlagenarbeit geleistet wird. Man könnte auch sagen, dass die Energieerzeugung mit zu Bremerhavens wichtigsten Wirtschaftszweigen gehört – Bürger davon glücklicherweise aber nicht viel sehen, weil die eigentliche Erzeugung grüner Energie weit genug weg, nördlich der Ostfriesischen Inseln, irgendwo in der Nordsee stattfindet.

Den Menschen ist klar, dass der Strom nicht einfach nur aus der Steckdose kommt. Weil es in der Region nicht nur schön windig, sondern auch schön sonnig sein kann, wird man künftig auch mehr Solaranlagen auf den Dächern öffentlicher und privater Bauten sehen. In Bremen ist jetzt eine Verordnung in Kraft getreten, die Bauherren dazu verpflichtet, Solaranlagen zu installieren.

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E-Mobilität kann nur eine Übergangslösung sein

Wer sich so viel mit Stromerzeugung beschäftigt, der hat auch einen schärferen Blick für die Stromdurchleitung auf mehr oder weniger leistungsfähigen Trassen, über- oder unterirdisch, im Kreuzfeuer regionaler Bürgerinitiativen bundesweit. Doch diesen Standpunkt wollen wir gar nicht erst einnehmen und bleiben auf regionaler Ebene – holen die Lupe raus und fragen uns, wo die vielen E-Autos eigentlich tanken sollen, deren Absatz gemäß geänderter Förderrichtlinie des Bunds zur «Innovationsprämie» bis Ende 2020 gefördert wird. Stand Mai 2020 zählte der BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft zwar insgesamt 27.730 öffentlich zugängliche Ladepunkte – doch sind davon nur 14 Prozent Schnelllader (= 3.882 Einheiten). Zum Vergleich: Das konventionelle Tankstellennetz für Benzin, Diesel und Flüssiggas zählte 2014 laut Wikipedia insgesamt 14.272 Einheiten bundesweit. Das werden im Jahr 2020 nicht viel weniger sein. Dennoch stellt sich die Frage: Welches Stromnetz in Deutschland soll den Belastungen standhalten, wären nicht nur 3.882 Schnellladesäulen in Betrieb, sondern zum Beispiel 7.136 oder gar 14.272 Einheiten?

Nur mal angenommen, wir hätten 14.272 Schnellladesäulen vorzuweisen und das Leitungsnetz würde den zu erwartenden Belastungen standhalten (was es nicht tut) – dann müssen wir immer noch die Produktion der Batteriezellen in unsere Betrachtung mit einbeziehen, die alles andere als «sauber» ist und der E-Mobilität insgesamt einen schlechten ökologischen Fußabdruck beschert. Kurzum: E-Mobilität kann bei genauer Betrachtung (a) zwar kurz- bis mittelfristig eine Übergangstechnologie darstellen, eignet sich (b) langfristig aber nur zur Bedienung berechenbarer, enger Aktionsradien. Zweifellos ist es angenehm, leise und ohne Abgasausstoß durch die Gegend zu fahren. Problematisch bleibt die Batteriezellen-Erzeugung.

H2-Mobilität wird den Weg in die Zukunft weisen

Wohin also mit der vielen grünen Energie, die in Bremen und umzu erzeugt wird? Wasserstoff. Wasserstoff kann mittels Elektrolyse gewonnen, gespeichert und zum Beispiel mit Brennstoffzellen wieder verstromt werden. Er bietet grundsätzlich alle Vorzüge von Erdgas als universeller Energieträger, ist hochflexibel, speicher- und transportierbar und kann als Brennstoff, Kraftstoff oder Rohstoff eingesetzt werden. Seine Anwendung setzt keine CO2-Emissionen frei, sondern zerfällt in Wasser und Sauerstoff. Wird Wasserstoff mittels Wind- oder Solarenergie erzeugt, spricht man von «grünem Wasserstoff» – der über den besten ökologischen Fußabdruck verfügt, den ein Brennstoff, Kraftstoff oder Rohstoff aktuell aufweisen kann. Auch dank der Nähe diverser Forschungseinrichtungen in der Region ist man im Nordwesten schon seit längerem davon überzeugt, dass Wasserstoff der (!) Energieträger der Zukunft ist. Die Wasserstoffwirtschaft wird im Zuge der Energiewende ein wesentlicher Baustein des künftigen Energie-Mixes sein.

Das alles ist mit grüner Windenergie aus Bremen und umzu natürlich nicht zu schaffen. Der Energiebedarf ist um ein Vielfaches größer. Neben der Windwasserstoff-Wirtschaft zwischen Unterelbe und Unterweser wird deshalb in Zukunft ein weiterer «Player» den Markt bestimmen, den wir bislang noch nicht wirklich auf dem Plan haben: die Sonnenwasserstoff-Wirtschaft aus Südeuropa und speziell Afrika. Spannende Entwicklungen stehen uns bevor.

Lektüre als Ausgangspunkt für die individuelle Recherche

Diese Zukunft ist zum Greifen nah. Sie bestimmt schon heute Entscheidungen über Investitionen. Dabei geht es nicht nur um Hafenanlagen und Pipelines für den Wasserstoff-Transport quer durchs Land. Zu bedenken sind zum Beispiel auch Investitionen in den firmeneigenen Fuhrpark. Um sich dem Thema entsprechend zu nähern, bietet sich einleitend die Seite «Nationale Wasserstoffstrategie» des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) an. Die Vorbereitung diverser Infrastruktur-Projekte begleitet ganz anschaulich der ChemCoast e.V. aus dem Emsland unter «chemcoast.de». Beide Adressen sind geeignet, um sich Grundlagenwissen anzueignen, auf das Interessenten individuell aufbauen können (Foto: EVB-Triebzug mit H2-Antrieb auf der Strecke Bremerhaven-Buxtehude — Autor: Erich Westendarp).