Samstag, 4. Februar 2023

TAZ: über guten Kuchen und schlechten Kuchen

Berlin. (taz) Vor fast 20 Jahren sahen sich Einwanderer im ehemaligen Westberlin so manchem Kulturschock ausgesetzt. Da war nicht nur der Umgangston der Einheimischen – grob und unhöflich, dass es dafür anderswo was hinter die Löffel gegeben hätte. Zur inneren Hässlichkeit gesellte sich zudem eine äußere: Die winterliche, von Kohleöfen gespeiste Stadtluft zeichnete nie gekannte Allergiemuster auf die Wangen, berichtet die Berliner TAZ. Der Zugereiste habe ausgesehen wie ein Streuselkuchen. Doch was noch viel schwerer wog: Ordentlicher Streuselkuchen war in der ganzen Stadt so rar wie ein freundliches Gesicht in BVG-Uniform. Wer in der Berliner Kuchenprovinz gut schmeckendes Backwerk essen wollte, musste weite Wege auf sich nehmen. Das Angebot der meisten Bäckereien entsprach dem heutigen Stand von Filialketten wie «Dunkin Donuts», «Kamps» oder der «Wiener Feinbäckerei»: staubtrockenes Schmalzgebäck mit zentimeterdicker Zuckerglasur und misshandelte Hefeteilchen; schwabbelige Torten; in Zuckersirup ertränkte «Plunder», die diesen Namen auch verdienten. Knuspriger Blätterteig war unbekannt, von Butter hatte seit den Nachkriegsjahren niemand mehr was gehört – wohl aber von Butteraroma. Auch in kleinen Cafes und alternativen Kneipen ließ sich der Kuchenhunger nicht stillen. Entweder gab es dort noch nicht ganz aufgetauten Apfel- oder Pflaumenkuchen aus der Tiefkühltruhe mit Dosensprühsahne – oder gesunde, zuckerfreie Möhrentorte mit Roggenmehl. Es seien lange, entbehrungsreiche Jahre gewesen – erinnert uns die TAZ an einen Grund, weshalb die zugereisten Großbäcker nach der Wende so leichtes Spiel hatten mit dem stolzen Bäckerhandwerk. Weshalb Berliner Bäckereien bis heute immer noch einen Gelatineklotz mit fünf freischwimmenden Erdbeerhälften darin auf einer Biskuitboden-Imitation als «Obstkuchen» verkaufen dürften und könnten, bleibe nach wie vor ein Rätsel, resümiert die TAZ in «Good cake + bad cake».

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