Sonntag, 5. Februar 2023

Süßwarenindustrie: blickt auf schwieriges Jahr 2022 zurück

Bonn. (bdsi) Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) blickt für die Branche mit ihren genussbringenden Produkten auf ein schwieriges Jahr 2022 zurück. Die Produktionsmenge lag zwar über Vorjahresniveau (+2,8 Prozent), der Umsatz stieg um +6,5 Prozent, deckt die in den Unternehmen in der Folge des Krieges in der Ukraine entstandenen Mehrkosten aber nur teilweise ab. Daher verstellt die statistische Datenlage den Blick auf die wirtschaftlich sehr angespannte Situation in der Branche. Im Jahr 2022 erlebten die mehr als 200 Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie eine seit dem zweiten Weltkrieg noch nie dagewesene Spirale an Kostensteigerungen und teilweise massiven Problemen und Ausfällen in internationalen Lieferketten. Diese Belastungen sind in dieser Form bislang einmalig.

«Wir als mittelständische Branche fordern, dass sich die Bundesregierung und auch die Europäische Union den großen und existenziellen Herausforderungen annimmt, statt sich im bürokratischen Klein-Klein zu verlieren. Wir benötigen dringend Lösungen für eine wettbewerbsfähige und stabile Energieversorgung, eine Öffnung zur Bekämpfung des fortschreitenden Arbeitskräftemangels und eine funktionierende Infrastruktur im Bereich Verkehr und Digitalisierung. Stattdessen werden die Unternehmen mit einer Flut an nationalen und europäischen Gesetzen belastet, die zudem meist auch noch praxisfern und äußerst bürokratisch sind. Bei einem «weiter so» droht eine Marktbereinigung zulasten kleinerer und mittelständischer Unternehmen», erläutert Bastian Fassin, Vorsitzender des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. (BDSI).

Spirale steigender Kosten und Unsicherheiten in den Lieferketten

Die enorme Kostenbelastung wird für die Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie immer mehr zu einer Standortentscheidung oder gar einer Existenzfrage. Dabei wirken sich insbesondere, aber nicht nur die in 2022 stark gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten aus, sondern auch standortbedingte Belastungen, die in Deutschland schon langfristig überdurchschnittlich hoch sind. Hierzu zählen etwa die Arbeitskosten, Steuern, die Dauer von Genehmigungsverfahren, der schleppende Breitbandausbau und Bürokratiebelastungen.

Trotz der von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten Entlastungsmaßnahmen müssen die Unternehmen deutliche Mehrkosten für eingekauften Strom und Erdgas verkraften. Hinzu kommen die Unsicherheiten bei der Rohstoffbeschaffung, verbunden mit weiteren massiven Kostensteigerungen im Jahr 2022 auf den Rohstoffmärkten, etwa für Zucker (bis zu +100 Prozent), Kakao (+23 Prozent), Mais (+19 Prozent) oder Weizen (+9 Prozent).

30 Jahre EU Binnenmarkt – weitere Zersplitterung verhindern

Der europäische Binnenmarkt gilt als der größte Erfolg der EU und hat erheblichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Wirtschaft. Vor 30 Jahren startete am 1.1.1993 der europäische Binnenmarkt mit der für die Branche wichtigen Warenverkehrsfreiheit und hat auch zu einer immensen Dynamik im Außenhandel mit Süßwaren geführt. Heute hält man den uneingeschränkten Handel in einem Wirtschaftsraum mit heute 446,8 Millionen Einwohnern für selbstverständlich. Doch der Brexit hat gezeigt, dass es das nicht ist, denn durch ihn hat der europäische Binnenmarkt rund 67 Millionen Verbraucherinnen und Verbraucher verloren.

Zu dieser Schwächung des Binnenmarktes kommt hinzu, dass die Mitgliedsstaaten etwa bei der Nährwertkennzeichnung oder der Umwelt- bzw. Recyclingkennzeichnung aber auch der Herkunftskennzeichnung oder Zusatzstoffregelungen eigene Wege beschreiten und den einheitlichen Rechtsrahmen durch nationale Sonderregelungen zerstören. Dies führt zu enormen Belastungen der Unternehmen, müssen sie doch im schlimmsten Fall für jeden Mitgliedsstaat eine eigene Verpackung vorhalten. Der BDSI fordert, dass der Binnenmarkt nicht weiter ausgehöhlt, sondern stattdessen erhalten, weiter ausgebaut und wieder in den Fokus der europäischen Wirtschaftspolitik gerückt wird.

Konjunkturentwicklung der deutschen Süßwarenindustrie 2022

Das wichtige Inlandsangebot (= Produktion + Einfuhr – Ausfuhr) entwickelte sich im Jahr 2022 rückläufig und lag mengenmäßig bei knapp 2,7 Millionen Tonnen (-1,8 Prozent), der Inlandsumsatz stagnierte bei schätzungsweise 9,0 Milliarden Euro (+0,2 Prozent).

Nach Schätzungen des BDSI stieg die Produktion insgesamt der in Deutschland hergestellten Süßwaren und Knabberartikel im Jahr 2022 auf 4,0 Millionen Tonnen (+2,8 Prozent). Wertmäßig entwickelte sich die Produktion mit rund 14,0 Milliarden Euro ebenfalls positiv (+6,5 Prozent). Den Schätzungen des BDSI liegen die amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes und die Marktdaten der einschlägigen Marktforschungsinstitute zugrunde.

Exportgeschäft mit Süßwaren bleibt wichtiges Standbein der Branche

Das für die deutsche Süßwarenindustrie so wichtige Exportgeschäft mit Süßwaren und Knabberartikeln konnte sich im Jahresverlauf 2022 trotz globaler Lieferkettenprobleme und Unwägbarkeiten im Welthandel, wie die Folgen des Krieges in der Ukraine, weiter erholen. Insgesamt wurden schätzungsweise 2,5 Millionen Tonnen Süßwaren und Knabberartikel exportiert. Dies bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von +4,0 Prozent. Der Exportumsatz stieg im Jahr 2022 um +11,5 Prozent auf rund 10,3 Milliarden Euro.

Angesichts des rückläufigen Inlandsmarktes und der hohen Konzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel kommt gerade dem Export von Süßwaren eine wachsende Bedeutung für das wirtschaftliche Überleben der Unternehmen und den Erhalt der einzigartigen mittelständischen Struktur zu. Mit einem wertmäßigen Anteil von über 60 Prozent trägt insbesondere der Export zur Wertschöpfung in den Unternehmen bei. Rund 70 Prozent aller Süßwarenausfuhren werden in die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union geliefert, doch stieg im Jahr 2022 der Export in Drittstaaten an, insbesondere in die USA, nach Großbritannien, Australien, Kanada, Israel und die Türkei.

Arbeitskräftemangel erfordert mehr als Fachkräfteregelungen

Der dramatische Mangel an Arbeitskräften und Auszubildenden verschärft sich auch in der mittelständisch geprägten deutschen Süßwarenindustrie mit über 200 Unternehmen und rund 60.000 Beschäftigten immer weiter. 84 Prozent der Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie melden massive Probleme mit der Besetzung von Stellen für einfache Tätigkeiten in der Produktion, für die keine Ausbildung, sondern nur eine Einarbeitung im Unternehmen erforderlich ist. Mehr als 50 Prozent der Unternehmen der Süßwarenindustrie haben zudem Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden. Die Branche begrüßt deshalb, dass die Bundesregierung neue Regelungen für die Einwanderung von Arbeitskräften auf den Weg bringen will. Doch dieses muss den von den Unternehmen benötigten Bedarf an Arbeitskräften berücksichtigen, zügig kommen und unbürokratisch ausgestaltet werden. Die deutsche Süßwarenindustrie benötigt nicht nur Fachkräfte aus dem Ausland, sondern dringend insbesondere Arbeitskräfte für einfache Produktionstätigkeiten.

Deutsche sehen hohe Eigenverantwortung für ausgewogene Ernährung

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher setzen sich mit Fragen zur Rolle von Süßwaren in der Ernährung auseinander. Die leckeren und bunten Produkte der deutschen Süßwarenindustrie werden als kleine Freuden im Alltag weltweit von Groß und Klein geschätzt. Süßwaren sind das «Genuss-i-Tüpfelchen» in der Ernährung und sind nicht zum Sattessen da.

Eine sehr große Mehrheit der Verbraucher sieht eine hohe Eigenverantwortung jedes Einzelnen für eine ausgewogene Ernährung (89 Prozent). Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Verbraucherbefragung im Auftrag des BDSI (Bilendi/November 2022, n=1119). Mit sehr großem Abstand dahinter nannten die Befragten «die Gesellschaft insgesamt» (5 Prozent), gefolgt von «die Hersteller von Lebensmitteln» (3 Prozent). «Die Politik/der Staat» wurde von 2 Prozent der Befragten angeführt.

Starkes Engagement der deutschen Süßwarenindustrie für Nachhaltigkeit

Zu den gesamtgesellschaftlichen Trends gehören Nachhaltigkeit und Klimaschutz, wozu auch die deutsche Süßwarenindustrie ihren Beitrag leistet. Die Nachhaltigkeitsanstrengungen der Branche sind nicht nur bei neuen Rezepturen, dem Einsatz zertifizierter Rohstoffe und den Herstellungsprozessen, sondern auch im Bereich Verpackungen zu beobachten. Viele Unternehmen testen vermehrt alternative Verpackungsmöglichkeiten oder erhöhen den Rezyklatanteil in ihren Sekundärverpackungen.

Der Einsatz von nach Nachhaltigkeitsstandards zertifizierten Rohstoffen in Süßwaren und Knabberartikeln wird von der deutschen Süßwarenindustrie seit vielen Jahren intensiv vorangetrieben. Dies gilt insbesondere für Kakao, dem wichtigsten Rohstoff der Schokolade. Die Zertifizierung ist dabei ein bedeutender Baustein für die Entwicklung eines nachhaltigeren Kakaosektors. Im Jahr 2021 erreichte der Anteil an zertifiziertem Kakao 79 Prozent. Bei der ersten Erhebung des BDSI für das Jahr 2011 lag dieser Anteil bei nur zirka 3 Prozent. Die Süßwarenindustrie ist somit auf einem sehr guten Weg. Dies gilt auch für das in der Süßwarenproduktion eingesetzte Palmöl bzw. Palmkernöl. 94 Prozent des in der deutschen Süßwarenindustrie verwendeten Palmöls ist bereits heute zertifiziert. Damit nimmt die deutsche Süßwarenindustrie eine führende Rolle ein.

Weiterhin engagiert sich der BDSI intensiv im «Forum Nachhaltiger Kakao», einer 2012 gegründeten Gemeinschaftsinitiative. Neben Mitgliedern aus der Schokoladen- und Süßwarenindustrie sowie des Lebensmittelhandels setzen sich in dieser Organisation u. a. auch die Bundesregierung und standardsetzende Vereinigungen wie Fairtrade und die Rainforest Alliance sowie Vertreter der Zivilgesellschaft ein. Auch in der Multistakeholder-Initiative «Forum Nachhaltiges Palmöl» gehört der BDSI zu den engagierten Mitgliedern.

Entwicklung bei den einzelnen Produktgruppen

Schokoladewaren

Die mengenmäßige Produktion von Schokoladewaren entwickelte sich nach Schätzungen des BDSI im Jahr 2022 positiv. Insgesamt wurden in Deutschland zirka 1,2 Millionen Tonnen Schokoladewaren produziert (+1,7 Prozent). Der Produktionswert stieg um etwa +4,5 Prozent auf rund 6,2 Milliarden Euro. Der Export von Schokoladewaren entwickelte sich 2022 in der Menge (+5,8 Prozent), wie auch im Wert positiv (+13,2 Prozent).

Feine Backwaren

Die Hersteller von Feinen Backwaren verzeichneten 2022 einen leichten Zuwachs. In der Menge stieg die Produktion von Feinen Backwaren auf Basis der Schätzungen des BDSI um +1,8 Prozent. Insgesamt wurden etwa 765.000 Tonnen Feine Backwaren produziert. Wertmäßig stieg die Produktion um +7,1 Prozent auf rund 2,4 Milliarden Euro. Auch die Exporte verzeichneten 2022 bei den Feinen Backwaren einen Anstieg von +4,8 Prozent in der Menge. Der Exportwert stieg um +12,8 Prozent.

Bonbons und Zuckerwaren

Die Hersteller von Zuckerwaren verzeichneten 2022 eine positive Entwicklung. Die mengenmäßige Produktion stieg im Vergleich zu 2022 um schätzungsweise 6,0 Prozent auf 660.000 Tonnen, im Wert um +13,3 Prozent auf zirka 1,8 Milliarden Euro. Die Entwicklung der Exporte war 2022 bei den Bonbons und Zuckerwaren mit einem Zuwachs von +11,7 Prozent in der Menge und +20,1 Prozent im Wert ebenfalls positiv.

Knabberartikel

Die Hersteller von Knabberartikeln verzeichneten 2021 leichte Rückgänge. Die Produktionsmenge sank nach Schätzungen des BDSI um -0,1 Prozent auf rund 365.000 Tonnen. Im Wert stieg die Produktion um +4,1 Prozent auf etwa 1,7 Milliarden Euro. Die Exporte entwickelten sich 2022 bei den Knabberartikeln hingegen positiv, sie stiegen gegenüber dem Vorjahr um +4,2 Prozent in der Menge und +6,5 Prozent im Wert (Foto: pixabay.com).

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