Samstag, 5. Dezember 2020

Studie: Die Bedeutung der Familienunternehmen für ländliche Räume

München. (ds) Familienunternehmen sind ein entscheidender Faktor für die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Stadt und Land. In ländlichen Regionen, in denen es viele Familienunternehmen gibt, nimmt die Einwohnerzahl zu und die Abwanderung von jungen Menschen ist geringer. Regionen mit hoher Dichte an Familienunternehmen weisen außerdem einen höheren Wohlstand auf, haben höhere Ausbildungsquoten, niedrigere Arbeitslosenzahlen und sind innovativer.

Das ist das Ergebnis der ersten wissenschaftlichen Studie, die den Beitrag von Familienunternehmen für ländliche Räume umfassend untersucht. Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse zur Erfüllung des Verfassungsauftrags, gleichwertige Lebensverhältnisse in städtlichen und ländlichen Regionen sicherzustellen. Sie wurde im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erstellt.

«Familienunternehmen sind ein Garant dafür, dass die Menschen abseits der Metropolen gut leben können. Sie festigen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhalt und ermöglichen gleiche Lebensverhältnisse in Stadt und Land», sagt Professor Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. «Gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland kann es nur mit starken Familienunternehmen geben.»

Die Studie untersucht, wie 215 ländliche Landkreise in Bezug auf Bevölkerungsentwicklung, Innovation, Wohlstand, Arbeitslosigkeit, Ausbildung und kommunale Finanzen abschneiden. Zugleich wird erfasst, wie hoch der Anteil von Familienunternehmen ist. Um die Bedeutung von Familienunternehmen für eine Region besser untersuchen zu können, konzentrierten sich die Forscher auf größere Familienunternehmen mit 50 oder mehr Mitarbeitern und auf relevante Branchen. Die so identifizierten Familienunternehmen beschäftigen 2,5 Millionen der insgesamt 5,7 Millionen Mitarbeiter aller vergleichbaren Unternehmen.

In ausnahmslos allen Kategorien schnitten Landkreise mit hohem Familienunternehmensanteil besser ab:

  • Die Arbeitslosenquote ist in stark von Familienunternehmen geprägten Landkreisen niedriger als in der Gruppe mit den geringsten Anteilen (2,8 Prozent versus 5,5 Prozent). Diese Landkreise verzeichneten zudem in Zehnjahresfrist einen besonders starken Beschäftigungszuwachs (21 Prozent versus 15 Prozent).
  • Die Ausbildungsquote steigt mit hoher Präsenz von Familienunternehmen: Die Ausbildungsquote beträgt in Regionen mit den höchsten Anteilen an Familienunternehmen 4,9 Prozent. In ländlichen Regionen mit wenigen Familienunternehmen sind es 3,7 Prozent.
  • Die Bevölkerungsentwicklung ist deutlich positiver. Während sich die Bevölkerung in den Räumen mit einem höheren Familienunternehmensanteil im Zeitraum von 2008 bis 2018 im Schnitt positiv entwickelt hat (+2 Prozent), ging die Bevölkerung in Regionen mit unterdurchschnittlichen Familienunternehmensanteil zurück (-2,6 Prozent). Den höchsten Zuwachs konnte der Kreis Erding (Bayern) verzeichnen (Bevölkerungsplus von elf Prozent), wo überdurchschnittliche viele Familienunternehmen ansässig sind. Den stärksten Rückgang verzeichnete der Kreis Mansfeld-Südharz (Sachsen-Anhalt) mit einem unterdurchschnittlichen Anteil an Familienunternehmen. «Familienunternehmen schaffen es, zu einer intensiveren Bindung der jungen Menschen an die Region beizutragen und damit die dezentralen Stärken und den Wohlstand in den Regionen zu sichern», schreiben die Autoren.
  • Regionen mit vielen Familienunternehmen sind innovativer. Im Schnitt vermelden ländliche Räume mit einem sehr hohen Familienunternehmensanteil fast dreimal so viele Patente je 100.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (120 versus 45 Anmeldungen). Auch der Anteil an Beschäftigten in den für Innovationen bedeutsamen mathematisch-naturwissenschaftlich geprägten MINT-Berufen ist höher (22,5 Prozent versus 20 Prozent).
  • In Regionen mit besonders hohem Familienunternehmensanteil fällt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mit durchschnittlich 33.200 Euro pro Kopf höher aus als in den Gruppen mit niedrigen Familienunternehmensanteilen (knapp 28.500 Euro pro Kopf). Die Kaufkraft ist umso höher, je stärker Landkreise von Familienunternehmen geprägt werden. Auch die Produktivität ist höher.
  • Die kommunalen Finanzen sind in Regionen mit höheren Familienunternehmensanteilen besser. Im Schnitt ist die Verschuldung der öffentlichen Hand in den beiden am stärksten von Familienunternehmen geprägten Gruppen um 11 Prozent niedriger als in Räumen mit einem geringen Familienunternehmensanteil (1.200 Euro versus 1355 Euro je Einwohner).

«Familienunternehmen übernehmen Verantwortung in ihren Heimatregionen», sagt Kirchdörfer. «Während die meisten anonymen Großkonzerne ihre Zentralen in den Metropolen haben, sind Familienunternehmen in ihren Regionen fest verwurzelt. Viele von ihnen sind Weltmarkführer. Sie bieten nicht nur in der Fertigung, sondern auch in der Forschung und Entwicklung qualifizierte Arbeit. Diese Wirtschaftskraft strahlt positiv auf eine ganze Region aus.»

Die Ergebnisse müssten deswegen auch für die Politik eine Richtschnur sein. «Weltweit werden wir um diese dezentrale Struktur an starken Familienunternehmen beneidet. Die Politik sollte diese Landschaft stärken», sagt Kirchdörfer. «Familienunternehmen werden nur dann aus den Regionen heraus erfolgreich bleiben können, wenn sie dort gute Rahmenbedingungen vorfinden.»

Die Corona-Krise zum Beispiel hat noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass die digitale Infrastruktur an vielen Orten dringend verbessert werden muss. Es sollte die Einrichtung von Innovationshubs in ländlichen Regionen gefördert werden. Wichtig ist auch ein gut ausgebautes Bildungswesen – von Kinderbetreuungseinrichtungen bis zu Hoch- und Berufsschulen.