Sonntag, 20. Juni 2021

Steigende Rohstoffpreise sind Vorboten globaler Umwälzungen

Bremerhaven. (eb) Die Preise für landwirtschaftliche Güter lagen April 2021 im Schnitt um 4,9 Prozent über denen von April 2020. Während sich besonders Naturkautschuk (plus 47,9 Prozent), Getreide (plus 13,9 Prozent) und Rohkaffee (plus 9,4 Prozent) gegenüber dem Vorjahresmonat stark verteuerten, wurden lebende Schweine (minus 29,0 Prozent) und Nüsse (minus 16,8 Prozent) nach wie vor zu niedrigeren Preisen importiert, berichtet das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden.

Das Elend der Kaffee-Exporteure in Mittel- und Südamerika

Die Preisentwicklung bei Rohkaffee ist schnell am Haupterzeuger Brasilien erklärt: Im Kalenderjahr 2019 wurden nach Angaben von FAOStat weltweit 10.035.576 Tonnen Kaffeebohnen geerntet. Davon erzeugte Brasilien 3.009.402 Tonnen (29,98 Prozent), Kolumbien 885.120 Tonnen (8,81 Prozent), Honduras 476.345 Tonnen (4,74 Prozent), Peru 363.291 Tonnen (3,62 Prozent) und Guatemala 225.000 Tonnen (2,24 Prozent). Kurzum: Im Kalenderjahr 2019 lieferte Mittel- und Südamerika insgesamt 4.959.158 Tonnen Rohkaffee und damit 49,41 Prozent des weltweiten Verbrauchs.

Was passiert, wenn Funktionsträger und Strukturen mit dem Wesen und Wirken eines außergewöhnlichen Ereignisses (hier Pandemie) überfordert sind, ist am Beispiel Brasilien gut zu erkennen. Von den rund 211,83 Millionen Einwohnern infizierten sich nach offiziellen Angaben bis heute 16.545.554 Menschen mit Covid-19 (7,81 Prozent der Gesamtbevölkerung). 462.791 der 16.545.554 Infektionen nahmen einen tödlichen Verlauf – wobei dies »nur« die offiziellen Zahlen sind. Manche Schätzungen liegen weit darüber. Statistiken zu den Schwerbeschädigten, die bis heute zwar überlebt haben, doch auf Zeit oder für immer gesundheitlich eingeschränkt sein werden, existieren nicht.

Dieses Elend wirkt sich selbstverständlich auf die Erzeugung von Rohkaffee aus und es wundert nicht, dass die Preise in einem ersten Schritt um 9,4 Prozent gestiegen sind. Weitere Schritte könnten folgen, denn Kolumbien zählt bei 50,3 Millionen Einwohnern bislang 88.774 tödliche Verläufe bei 3.406.456 Infekten. Honduras zählt bei 9,7 Millionen Einwohnern 6.353 Tote bei 238.227 Infektionen. Peru zählt bei 32,5 Millionen Einwohnern 69.342 Tote bei 1.955.469 Infektionen. Guatemala zählt bei 16,6 Millionen Einwohnern 8.165 Tote bei 254.417 Infektionen. Auch hier gilt wie überall auf der Welt: Statistiken zu den Schwerbeschädigten, die bis heute zwar überlebt haben, doch auf Zeit oder für immer eingeschränkt sein werden, existieren (noch) nicht. Erste Schätzungen gehen von zehn Prozent der Infektionsrate aus.

Perspektiven für Schlachttiere und Schlachterzeugnisse

Als die Europäische Union noch nicht EU war sondern EWG – Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft – gab es das Phänomen des Butterbergs. Wobei das Phänomen weniger ein Phänomen war als das Ergebnis einer fehlgeleiteten gemeinsamen Agrarpolitik. Auch die Fleischberge heutzutage, besonders die des konventionellen Schweinefleischs hierzulande, sind ein Ergebnis fehlgeleiteter Agrarpolitik – wenn auch »nur« bundesdeutscher Prägung. Mängel in Aufzucht und Haltung, Skandale und Seuchen führten dazu, dass Verbraucher das Fleisch von Tieren zunehmend nicht mehr verzehren wollen, die vielleicht nie das Tageslicht gesehen und sich Zeit ihres Lebens nur gelangweilt haben – sofern sie nicht leiden mussten. Wie kann das sein, dass ein relativ kleines Flächenland wie Deutschland so viel Fleisch und so viel Milch erzeugt? Wie werden die Tiere gehalten? Unter welchen Bedingungen wird Lebendfracht wohin exportiert? Was passiert mit den unvorstellbar großen Mengen an Fäkalien? Was wird aus den Schlachtabfällen?

Fragen über Fragen, die sich zunehmend auch andere Import- und Export-Nationen stellen und Konsequenzen ziehen. Ohne weiter abzuschweifen: Es ist davon auszugehen, dass die Zeit der großen Schweinebarone vorbei ist. Zum Beispiel China erzeugt seinen Bedarf an Schweinefleisch heute zunehmend selbst. Auch Milcherzeugnisse wird die Volksrepublik mit 1,4 Milliarden Menschen bald kaum mehr importieren müssen. China renaturiert riesige Landstriche und ringt den Wüsten konsequent Böden ab, die einmal bewaldet und besiedelt wieder behutsam bewirtschaftet werden können. Selbst dort, wo nichts wächst und niemand leben kann, gibt es immer noch Sonnenschein in Überfluss, aus dem sich Energie gewinnen lässt. Die Volksrepublik ist auf dem besten Weg zum Selbstversorger, was sich zunehmend auf die globalen Warenströme auswirkt. Statt hierzulande Schweinebarone zu subventionieren, die noch dazu erheblich zur Umweltverschmutzung beitragen, muss man der Wahrheit ins Gesicht sehen und Landwirten tragfähige Alternativen aufzeigen. Der Preis für Schweinefleisch jedenfalls wird so schnell nicht mehr steigen. Die Preisspirale kennt aktuell nur eine Richtung – nach unten.

Brotgetreide versus Futtergetreide

Wo riesige Nutztierbestände aufgebaut werden, um den Bedarf von 1,4 Milliarden Chinesen zu decken, braucht es viel Futter – und Futtergetreide. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, weshalb der Getreidepreis weltweit in diesem Jahr ungewöhnlich stark anzieht. Seit der Agrarwissenschaftler Yuan Longping (*07. September 1930 – †22. Mai 2021) in den 1970er Jahren den Hybridreis entwickelte, hat sich in der Volksrepublik viel getan. Die Agrarwissenschaften sind hoch entwickelt. Jede moderne Form der Bewirtschaftung, ob horizontal oder vertikal, unter Glas oder auf dem freien Feld, biologisch-dynamisch oder nicht, ist im Riesenreich zu finden. Weshalb die Volksrepublik 2021 unerwartet viel Futtergetreide importieren muss, kann nur sie beantworten. Sieht jedenfalls so aus, als wachse der Wohlstand in China dynamischer als gedacht – und damit der Bedarf an Lebensmitteln, die mit Wohlstand assoziiert werden. Heißt auch: Der Bedarf an Getreide wird weiter dynamisch zunehmen. Heißt in der Konsequenz auch: Die Getreidepreise werden künftig eher steigen als fallen.

Hinzu kommt weltweit ein Getreidehandel, der heute auf eine Handvoll Global Player reduziert ist und der die Preise logischerweise eher nach oben als nach unten drückt. Um in den kommenden Jahren mehr Berechenbarkeit in diesen zunehmend volatilen Markt zu bringen, sind besonders in regionalen Kreisläufen Erzeuger wie Verarbeiter gefragt, die Dynamik durch Kooperativen oder eine gezielte Lagerhaltung zu steuern. Das ist leichter gesagt als getan. Andererseits: Mit dem zunehmenden Klimawandel wird das Thema Rohstoffbeschaffung ohnehin immer wichtiger werden. Erzeugende und verarbeitende Betriebe in Europa sind schon heute gefordert, sich mit den Strategien für morgen zu befassen (Foto: pixabay.com).