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So verändert Covid-19 das Einkaufsverhalten dauerhaft

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Bremerhaven. (eb) Diverse Stimmen fühlen sich aktuell berufen, Verbraucher angesichts der besonderen Umstände durch die Covid-19-Pandemie an «ihren Bäcker» zu erinnern – verbunden mit der Aufforderung, dortselbst einzukaufen. Das mag zwar »en vogue« sein und gefällig. Doch statt Forderungen zu stellen, deren Konsequenzen man selbst nicht fürchten muss, wäre es für Deutschlands Bäckereien sinnvoller, würden die Sonntagsreden endlich verstummen und Platz machen für konstruktive Analysen und Lösungsansätze.

Versetzen Sie sich in die Lage der Kunden

Mit den «Leitlinien zur Beschränkung sozialer Kontakte» vom 22. März 2020 hat jeder Bundesbürger einen klaren Kompass erhalten, was er tun kann und was er lassen soll angesichts der bestehenden Gefahren. Bei SARS-CoV-2 handelt es sich um einen hoch ansteckenden, heimtückischen Coronavirus. Die daraus resultierende Lungenkrankheit Covid-19 bringt unser Gesundheitssystem an den Rand der Belastbarkeit. Die Krankheit verläuft nicht selten tödlich. Es gibt noch keine Medikamente zwecks Heilung, geschweige denn eine vorbeugende Impfung.

Für diejenigen, die den Schuss noch immer nicht gehört haben: Es geht um Leben und Tod. Jede Entscheidung und jedes Handeln muss sich dieser Einsicht unterordnen. Schon jetzt von einer Exit-Strategie zu sprechen, wo wir gerade erst am Anfang der Bewältigung stehen, ist gedankenlos. Der Forderung nach einem Exit unter Hinweis auf darbende Wirtschaftsbereiche zusätzlichen Druck zu verleihen, ist mindestens fahrlässig.

Der gesunde Menschenverstand, glücklicherweise vorauszusetzen bei der weit überwiegenden Zahl der Verbraucher (93 Prozent), rät zum One-Stop-Shopping und Bulk-Shopping beim Discounter oder im Supermarkt. Vielleicht noch zum Online- Shopping und zum Lieferdienst. Die Menschen verkürzen ihre Wege auf das Nötigste. Gemäß den «Leitlinien zur Beschränkung sozialer Kontakte» gehört der Abstecher zum Bäcker oft nicht dazu. Leider. Lässt sich diese Entscheidung kritisieren? Haben im Gegenzug alle Bäckereien alle Möglichkeiten ausgeschöpft, mit denen sie sich auf ihre Kunden zubewegen können?

Was Covid-19 in der Welt hinterlassen hat

Seit der Ausbreitung von Covid-19 sind in der Volksrepublik China die Marktmechanismen auf vielen Ebenen gestört. Die Menschen haben sich nicht freiwillig zur Beschränkung sozialer Kontakte verpflichtet. Ihnen wurde eine strikte Ausgangssperre auferlegt. Die Rolle des Regierungsapparats ist nicht immer transparent. Aktuell ist zum Beispiel nicht nachvollziehbar, ob die Zahl der Infektionen tatsächlich sinkt. Oder ob auf irgendeiner Ebene nur beschlossen wurde, das Geschehen von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten.

Logistik im Stress: Es knirscht im Getriebe hüben wie drüben. Die mehr oder weniger offensichtlichen Probleme in der Logistik sind in Europa ähnlich denen, wie sie China erlebte und erlebt. Bedürfnisse und Bedarfe verschoben sich abrupt, was nicht ohne Konsequenzen blieb und ganze Branchen unter Druck setzte.

Auswirkung der Vollsperrung in China: Sind ganze Regionen bis ins Detail abgeriegelt und dürfen die Menschen nicht vor die Tür, verlagern sie ihre Einkäufe ins Internet. Leidtragender ist der physisch vor Ort angesiedelte Lebensmittel- Einzelhandel (LEH), der kaum zum Zug kommt, sofern er nicht selbst im Internet unterwegs ist. Die Gastronomie liegt brach. Online-Lieferungen verzögern sich in dem Maß, wie es Engpässe beim Auffüllen der Lagerbestände gibt. Ähnliche Mechanismen sind in Europa erkennbar, auch wenn hier aufgrund anderer Regeln der LEH immer noch gut zurecht kommt. Hier beklagt sich eher der Onlinehandel, dass er der plötzlichen Nachfrage nicht gerecht werden kann.

Wie sich der LEH und der Zugriff darauf verändern

Die Rolle der Sozialen Medien: Vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie gab fast ein Drittel der älteren chinesischen Verbraucher ab 55 Jahren an, dass sie soziale Medien nutzen, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu treten. In ähnlicher Weise nutzten die Menschen WeChat (das chinesische Whatsapp), um in Zeiten der Krise an Informationen über gesunde und unbedenkliche Lebensmittel zu kommen. Klar strukturierte und vereinfachte Prortale führen zu einer besseren Akzepzanz und zu mehr Engagement.

Von Lebensmittelhändlern gegründete WeChat-Gruppen für lokale Gemeinschaften helfen, auch in Zeiten der Krise auf eine ausreichende Kundenbasis zu bauen. Risikogruppen, die es besonders schwer haben, an Lebensmittel zu kommen, können ihre Besorgungen über lokale WeChat-Gruppen erledigen. Die Einkäufe werden unter Angabe von Ort und Zeit in der Nähe der Wohnungen zur Selbstabholung abgelegt – also kontaktlos.

Landwirte mit Produkten, die sonst über die lokalen Supermärkte verkauft werden, nutzen WeChat jetzt, um potenzielle Verbraucher direkt zu erreichen. Landwirtschaftliche Produkte werden in China derzeit subjektiv sicherer eingestuft als verarbeitete Lebensmittel.

Bulk Shopping: Gerade mit Blick auf landwirtschaftliche Erzeugnisse schließen sich immer mehr Käufergemeinschaften zusammen. Auch für den ganz normalen Lebensmitteleinkauf schließen sich immer mehr Menschen, vor allem Senioren, zu Käufergruppen zusammen, um Gruppenkäufe zu tätigen.

Generell darf der Hinweis nicht fehlen, dass uns Ostasien bei der Nutzung des Internets um Lichtjahre voraus ist. Um sicher zu gehen, dass die gewünschten Käufergruppen erreicht werden, bieten sich in Europa vielleicht Handzettel an – oder das Haustürgeschäft.

One-Stop-Shopping ersetzt das tägliche Einholen: Dagegen ist der Begriff des One-Stop-Shoppings in Europa längst ein Begriff. Um Zeit zu sparen, gehen immer mehr Haushalte dazu über, einmal in der Woche konzentriert an einem Ort alles das einzukaufen, was sie für einen reibungslosen Wochenverlauf benötigen. Dieser Trend wird sich aus naheliegenden Gründen kaum abschwächen.

One-Stop-Shopping war vor dem Ausbruch der Pandemie in China kaum ein Thema. Zumal Chinesen als sehr kommunikativ gelten und allein schon deshalb täglich für diverse Besorgungen unterwegs waren, um soziale Kontakte zu pflegen. Das hat sich radikal geändert. Zwar ist davon auszugehen, dass diese Radikalität irgendwann wieder nachlässt. Doch wird das One-Stop-Shopping künftig auch langfristig stärker anzutreffen sein als vor der Pandemie.

Wie sich die Erkenntnisse für die Zukunft nutzen lassen

Lebensmittelhygiene und -sicherheit: Diesem Themenkomplex ist auch künftig viel Aufmerksamkeit gewiss. Eher weniger als mehr. Techniken, die selbst Verbrauchern die Rückverfolgbarkeit ermöglichen, könnten gefragt sein. Ein Marketinginstrument, mit dem die Produktsicherheit einwandfrei darstellbar ist vom Acker bis zum Teller.

Bargeldlos wird zur Norm: Die Liebe der Deutschen zum Bargeld schwindet zusehends. Die Bewältigung der Covid-19-Pandemie wird dazu beitragen, dass auch hierzulande immer öfter kontaktlos bezahlt und ein digitaler Kassenbon erwartet wird.

One-Stop-Shopping: Verbraucher, die einmal in der Woche konzentriert an einem Ort alles das einkaufen, was sie für einen reibungslosen Wochenverlauf benötigen, sind aktuell die neue Norm. Irgendwann wird sich die Lage wieder entspannen. Doch das One-Stop-Shopping wird uns dauerhaft öfter begegnen als vor Ausbruch der Pandemie.

Bulk Shopping: Online-to-Offline-Modelle, die Soziale Medien nutzen, um als Käufergruppen Gruppenkäufe zu tätigen, wird es künftig öfter geben. Sie helfen Senioren, um besser zurecht zu kommen. Sie helfen anderen Interessengruppen, um bestimmte Lebensmittel kostengünstig oder wenigstens doch reibungslos zu beschaffen.

Multi Channel: Bäckereien allein oder gemeinsam mit anderen Spezialisten sollten versuchen, diese Dynamik in der kommenden Normalität aufrechtzuerhalten. Spezialisten und Spezialisten- Gruppen bietet sich die Gelegenheit, Angebote für definierte Verbrauchersegmente zuzuschneiden und auf diversen Kanälen anzubieten. Lieferdienste für Senioren hat der LEH schließlich nicht gepachtet. Oder hat schon mal jemand an kontaktlose BackBoxen für Familien gedacht, die gerade ihre liebe Not mit dem Nachwuchs haben?

Fazit: Seien Sie flexibel und offen für Neues

Warten Sie nicht, bis Ihre Kunden wiederkommen. Jammern Sie nicht, dass der Umsatz eingebrochen ist und der halbe Verkauf Däumchen dreht. Nehmen Sie die Beine in die Hand und entwickeln Sie gemeinsam mit Ihrem Team Konzepte, die Ihnen tragfähig erscheinen und ausprobiert werden müssen. Irgendeinen Treffer werden Sie schon landen, auf dem sich aufzubauen lohnt. Ihr Vorteil: Nicht die Großen schlagen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen (Foto: pixabay.com).