Donnerstag, 22. Oktober 2020

Rohstoffe und Märkte: Ohne Melasse keine Hefe

Bonn. (dvh) Verdoppelung der Weltmarktpreise, ein Ungleichgewicht zwischen Produktion und Konsum, Wegfall von Anbauflächen, anhaltende Dürre: Auch im Jahr 2020 lösen insbesondere die Verwerfungen auf dem Zuckermarkt eine Achterbahnfahrt für Produktion und Industrie aus. Die deutschen Hefehersteller sind auf Melasse, ein Nebenprodukt der Zuckerherstellung, als Rohstoff für die Hefeproduktion angewiesen; eine verlässliche Rohwarensituation ist für die Produktion essentiell.

Die vermeintliche «Freiheit für den Zucker» durch den Wegfall der EU-Zuckermarktverordnung und der Klimawandel, der im Rübenanbau massive Spuren im Hinblick auf Ertragssicherheit und Ertragsstabilität hinterlässt, machen den Zuckermarkt derzeit unberechenbar. Über Jahrzehnte hinweg war die deutsche Zuckerbranche durch ein umfassendes Regelwerk vor internationalen Wettbewerbern geschützt; Mindestpreise für Zuckerrüben und Produktionsquoten wurden vorgeschrieben. Die Verkleinerung der Anbauflächen sowie eine geringere Ernte aufgrund der anhaltenden Trockenheit haben sich in den vergangenen Monaten jedoch drastisch auf die Verfügbarkeit von Zucker und damit auch von Melasse ausgewirkt, berichtet der Deutsche Verband der Hefeindustrie (DVH).

Die Welt-Zucker-Balance in Schieflage

In den Jahren 2019/20 verzeichnet der Weltzuckermarkt das größte Defizit seit elf Jahren mit einem deutlichen Missverhältnis zwischen Produktion und Konsum: Es wird mehr Zucker verbraucht als produziert wird, die End- und Lagerbestände schrumpfen. Während der Konsum konstant bleibt, ist die Produktion rückläufig. Europäische Anbauflächen für Zuckerrüben haben sich im Vorjahresvergleich um 5,5 Prozent reduziert und auch die Produktion von Zuckerrüben hat in den vergangenen zwei Jahren ein Minus von über 17 Prozent verzeichnet. Der Zuckerpreis auf dem EU-Markt schwankt, doch Melasseimporte werden immer teurer: Laut World Market News ISO / EU AGRI G4 lässt sich in den Jahren 2019/20 im Vergleich zu den Jahren 2017/18 ein Preisanstieg von knapp 50 Prozent feststellen. Die weitere Entwicklung ist völlig offen. Gleichwohl: «Die deutschen Hefehersteller werden weiterhin alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um die Versorgungslage stabil zu halten», sagt Dr. Markus Weck, Geschäftsführer des Deutschen Verbands der Hefeindustrie.

Melasse für Lebensmittel

Nach einer aktuellen Planung der Europäischen Kommission soll Melasse nun auch für die Herstellung von Biokraftstoff freigegeben werden. Als Folge stünde Melasse damit deutlich weniger als Nahrungsmittel zur Verfügung. Dies würde zu einer weiteren Verknappung der benötigen Melassemenge für die Hefeproduktion führen und die derzeitigen Missverhältnisse auf dem Markt zusätzlich verschärfen. Unter dem Motto «Molasses for food!» haben sich daher die Europäischen Verbände zusammengeschlossen, mit dem Ziel, Melasse nicht für die Produktion von Biokraftstoff, sondern für die Herstellung von Nahrungsmitteln zu verwenden.