Samstag, 10. April 2021

«Resilient Regional Retail»: HS Bremerhaven will’s wissen

Bremerhaven. (hs) Der Einkauf per Klick statt per Pedes im lokalen Einzelhandel wird immer beliebter bei den Verbrauchenden (m/w/d). Die Folge: Rekordumsätze bei den großen Onlinehändlern, während der stationäre Handel mit großen finanziellen Einbußen und Existenzbedrohung zu kämpfen hat. Andererseits leidet natürlich die Umwelt, sind die Leute in normalen Zeiten nicht zu Fuß oder mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Sondern, wie so oft und nicht immer nötig, mit dem eigenen Auto. Wie lassen sich die paar Lieferfahrzeuge dagegen aufrechnen, die im pandemisch geprägten Stadtbild plötzlich in der Überzahl sind? Das neue Projekt «R3 – Resilient Regional Retail» der Hochschule Bremerhaven nimmt sich dieser Fragen an. In den kommenden drei Jahren soll das Konzept für eine digitale Plattform entstehen, mit der der regionale Einzelhandel gegenüber großen Onlinehändlern gestärkt werden soll.

Unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Benjamin Wagner vom Berg, Professor für IuK-Technologien der außerbetrieblichen Logistik an der Hochschule Bremerhaven, und in Zusammenarbeit mit der Erlebnis Bremerhaven GmbH sowie zahlreichen weiteren Partnern soll so eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Versorgungs- und Logistikstruktur in der Metropolregion Nordwest geschaffen werden. Neben dem Handel sind die regionalen Logistikdienstleister Hauptakteure der Plattform. Mit diesem Vorhaben konnte das Projekt die Jury der Metropolregion überzeugen: «R3 – Resilient Regional Retail» ist eines von sechs Projekten, die im Rahmen des Ideenwettbewerbs «Mobilität der Zukunft» von der Metropolregion Nordwest zur Förderung ausgewählt wurden. Die Fördersumme beträgt 50.000 Euro je Projekt.

Der regionale Einzelhandel kann einige Vorteile gegenüber den großen Onlinehändlern vorweisen. Diese sind nicht nur auf soziale Aspekte, wie der Schaffung von Arbeitsplätzen und der persönlichen Beratung, zurückzuführen, auch logistisch verbirgt sich hier ein großes Potential. «Im Einzelhandel sind alle Waren bereits vor Ort. Alle Einzelhandelsunternehmen einer Region können in diesem Sinn als ein großes Warenlager interpretiert werden», erklärt Prof. Dr.-Ing. Wagner vom Berg. In Zusammenarbeit mit einem regionalen Logistikdienstleister ließe sich daher auch eine kundenfreundliche «Same Day Delivery» realisieren. Bestellte Waren könnten innerhalb weniger Stunden geliefert werden. Auch die Umwelt würde von der Stärkung des regionalen Onlinehandels profitieren. «Eine effiziente Organisation von Warenzustellungen innerhalb einer zukünftigen Logistik kann weniger belastend für Umwelt und die Verkehrssysteme sein, als wenn alle Versorgungsfahrten durch die Kunden selbst getätigt werden. Werden die Waren mit umweltfreundlichen und effizienten Transportmitteln, wie elektrischen Lastenrädern, ausgeliefert, lassen sich die Effekte noch verstärken» sagt Prof. Wagner vom Berg, der sich bereits seit einigen Jahren mit Fragen einer nachhaltigen City-Logistik beschäftigt. Im Rahmen des zweijährigen Projekts «NaCl – Nachhaltige Crowdlogistik» wurde die Nutzung elektromobiler Lastenräder erst kürzlich in der Praxis getestet – mit positivem Ergebnis. Die gemachten Erfahrungen fließen nun in «R3» mit ein.

Die Idee, für den lokalen Einzelhandel eine Onlineplattform zu schaffen und zu etablieren, ist nicht neu. In der Vergangenheit scheiterten jedoch viele dieser Versuche. Zu groß war der Aufwand für die einzelnen Händlerinnen und Händler. Die Lösung könnte eine gemeinsame Plattform sein, welche einfach zu bedienen ist, den Käuferinnen und Käufern aber die gleichen Vorteile wie die Seiten großer Onlinehändler bietet. Nicht nur die Akzeptanz durch den Handel, sondern auch die Kundenzufriedenheit ist ausschlaggebend für den Erfolg. «Durch die wissenschaftliche Herangehensweise mit einer Analyse der Vor- und Nachteile bestehender und gescheiterter Plattformen wollen wir eine Basis für eine nachhaltige und effiziente Plattformlösung schaffen», erklärt der Wirtschaftsinformatiker Prof. Wagner vom Berg. Idealerweise entstehe so im Laufe des Projekts nicht nur ein Konzept, wie ein regionaler Onlineshop aussehen könnte, sondern auch die entsprechende Software-Architektur.

Geplant ist auch ein Pilotprojekt, in dem die Macher der Studie die wesentlichen Anforderungen und Eigenschaften für eine erfolgreiche Plattform unter Einbindung diverser Akteure, zum Beispiel Einzelhändler, Logistikdienstleister, Städte und Kommune, erarbeiten. Die zentralen Akteure für eine spätere Umsetzung werden somit frühzeitig erfasst und eingebunden. «Die Erlebnis Bremerhaven GmbH ist seit vielen Jahren Geschäftsstelle der MBQ, Marketinginitiative der Bremerhavener Quartiere und hält dadurch den direkten Kontakt zum Handel der Seestadt. Mit der Unterstützung dieses Forschungsprojekts leisten wir einen Beitrag um die mit der Digitalisierung verbundene Herausforderung anzugehen,» stellt Dr. Ralf Meyer als Geschäftsführer der Erlebnis Bremerhaven den Wert der Kooperation heraus.

Die Metropolregion Nordwest ist eine von elf Europäischen Metropolregionen in Deutschland und bündelt die regionalen Kräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung. Mit ihrem Förderfonds unterstützt sie innovative und regionale Kooperationsprojekte.

Die Hochschule Bremerhaven bietet derzeit 24 technische, naturwissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Bachelor- und Masterstudiengänge an. Mehr als 3.000 Studierende profitieren von einer anwendungsorientierten Lehre in modern ausgestatteten Laboren und den intensiven Kontakten der staatlichen Fachhochschule zu verschiedenen ansässigen Wirtschafts- und Wissenschaftseinrichtungen. Das Studien- und Forschungsspektrum umfasst die Interessensgebiete Energie- und Meerestechnik, Life Science, Logistik und Informationssysteme sowie Tourismus und Management. In Forschung und Entwicklung setzt die Hochschule Bremerhaven durch die Arbeit in ihren Instituten und durch Kooperation mit Instituten außerhalb der Hochschule Akzente. Rund 150 Mitarbeitende in Lehre und Verwaltung stehen den Studierenden zur Seite (Foto: usp).