Sonntag, 7. März 2021

Österreich: Lebensmittelindustrie gerät zunehmend unter Druck

Wien / AT. (wko) «Die Verlängerung des Lockdowns in Gastronomie, Hotellerie, Gemeinschaftsverpflegung und Eventbranche über den Jahreswechsel hinaus bringt die Zulieferer aus der Lebensmittelindustrie wirtschaftlich zunehmend in Bedrängnis. Viele Betriebe aus der Lebensmittelindustrie sind wirtschaftlich stark von ihren Lebensmittellieferungen in die Gastronomie, Hotellerie und Eventbetriebe abhängig. Das Geschäft ist nun bereits das zweite Mal in diesem Jahr massiv eingebrochen. Jetzt ist bei den Zulieferern Feuer am Dach,» berichtet Magister Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ).

Die aktuellen Umsatzausfälle nehmen für einzelne Betriebe bereits bedrohliche Ausmaße an. Nicht alle Lebensmittelhersteller haben alternative Absatzschienen, etwa über den Lebensmitteleinzelhandel oder den Export, welche die Verluste nachhaltig ausgleichen könnten. Im Gegenteil, die Gastronomiesparte ist oft ein ganz zentrales wirtschaftliches Standbein und damit für die Lebensmittelhersteller besonders wichtig. «Den Betrieben aus der Lebensmittelindustrie, die nun durch die Schließung der Gastro-, Tourismus- und Eventbranche Verluste schreiben, muss jetzt geholfen werden,» unterstreicht Koßdorff.

Vom Sekt über Süßwaren bis zu Gemüseprodukten …

Durch das Zusperren von Gastronomie und Hotellerie und das Absagen von Events bis in den Jänner 2021 fehlt den Zulieferern aus der Lebensmittelindustrie das wichtige Wintergeschäft mit seinen Weihnachts- und Neujahrsfeiern, Bällen, Faschings- und Kulturveranstaltungen, Sportereignissen mit Publikumsbeteiligung sowie dem Skitourismus. Das trifft eine Vielzahl an Lebensmittelherstellern und ihre Produkte, die nun in den Verpflegungs- und Tourismuseinrichtungen wie Schihütten, Gaststätten, Hotels, Bars keinen Absatz finden: Dazu zählen unter anderem Getränke (Bier, Sekt, Erfrischungsgetränke, Heißgetränke wie Punsch, Tee, Kaffee oder Spirituosen), Süßwaren und Fertiggerichte (zum Beispiel Fleischwaren, Mehlspeisen) oder Beilagen in Großgebinden (zum Beispiel Pommes Frites, andere Kartoffelprodukte, Gemüsemischungen, Suppeneinlagen, Teigwaren). Bei Punsch, Sekt + Co. wird praktisch der gesamte Jahresumsatz zu Weihnachten, Silvester und in der Ball- und Wintersaison gemacht. Die Zahlen für Sekt verdeutlichen die Situation: Die heimische Gastronomie und Hotellerie zählt zu den Hauptabnehmern heimischer Sekt- und Schaumweinprodukte, vor allem in der traditionell umsatzstärksten Zeit zwischen Mitte Oktober und Ende Dezember. In dieser Zeit werden 40 bis 45 Prozent des Gesamtjahresumsatzes erzielt. Für die heimischen Sekthersteller bricht mit dem Fortbestand der Schließungen sowie dem Wegfall der Ballsaison, des Vorweihnachts- und Silvestergeschäfts fast die gesamte Hauptsaison weg. Zudem bleiben die Sekthersteller auch auf bereits erzeugter Ware sitzen.

Hinzu kommt, dass für Gastronomie, Hotellerie und Gemeinschaftsverpflegung oft andere Verpackungsarten und -größen benötigt werden (zum Beispiel Fässer für Bier, Großgebinde für Tiefkühlprodukte, Milchprodukte, Teigwaren). Ein möglicher Ausgleich im Lebensmitteleinzelhandel ist nicht möglich, da dort Kleingebinde (Trinkflaschen, Dosen) nachgefragt werden. Gastromengen können somit großteils nicht so rasch umgeschichtet werden (Kapazität der Linien, Verpackungsmaterial et cetera).

Koßdorff appelliert an die Politik: «Für die Lebensmittelzulieferer der geschlossenen Bereiche Gastronomie, Hotellerie, Events wird die Luft immer dünner. Die betroffenen Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie benötigen jetzt dringend ein klares Signal für eine wirtschaftliche Unterstützung in ihrer prekären Situation, damit die Jobs und die Wertschöpfung erhalten bleiben.»

Stellenwert der Lebensmittelindustrie in Österreich

Die Lebensmittelindustrie ist eine der größten Branchen Österreichs. Sie sichert im Interesse der Konsumentinnen und Konsumenten täglich die Versorgung mit sicheren, qualitativen und leistbaren Lebensmitteln. Die rund 200 Unternehmen mit ihren 27.000 direkt Beschäftigten erwirtschaften jährlich ein Produktionsvolumen von über 9,1 Mrd. Euro. Rund 7,6 Mrd. Euro davon werden in Form von Erzeugnissen der Lebensmittelindustrie in über 180 Länder exportiert. Der Fachverband unterstützt seine Mitglieder durch Information, Beratung und internationale Vernetzung.