Sonntag, 21. Juli 2024

Meinung: 2023 ist nicht das Jahr für aussichtslose Debatten

Bremerhaven. (usp) Jetzt rächt sich, dass das offizielle Bäckerhandwerk in den letzten Jahren lieber mit Rollholz bewehrt vor Kupferförmchen posierte, statt eine strategische Kompetenz in Sachen Digitalisierung aufzubauen. Dabei hätten die Offiziellen dazulernen müssen. Das wäre ihre Pflicht gewesen nach dem Theater, das sich zum Beispiel 2019/2020 in Sachen Kassensicherungsverordnung und Belegausgabepflicht abspielte und dem Bäckerhandwerk viel Reputation kostete. In jedem Konzern wäre umgehend das Führungspersonal ausgetauscht worden. Stattdessen können der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks und die ihm angeschlossenen Landesverbände – natürlich – nur mit den Leuten arbeiten, die sich zur Verfügung stellen. So honorig es ist, die eigene Freizeit dem Ehrenamt zu opfern: Man muss von der Materie was verstehen und mit ihr wachsen. Es reicht nicht mehr aus, auf eine Vita als Unternehmer zu verweisen. Man muss über die Echokammern dieser Welt hinausblicken können. Dringender denn je ist ein unverstellter Pragmatismus gefragt für das, was kommt.

Auch das Bäckerhandwerk muss frisch denken und kombinieren lernen

Folgt man den offiziellen Verlautbarungen, dann ist die Sache mit der Digitalisierung auf Verbände-Ebene immer noch nicht ganz durchgedrungen. Digitalisierung ist mehr, als nur den Schalter umzulegen und bekannte manuelle Abläufe durch digitale Prozesse zu ersetzen. Längst ist der Prozess in einer fortgeschrittenen Stufe angekommen, der digitale Ersatzmaßnahmen neu denkt und lenkt und zusammenführt. Nach einiger Verzögerung haben auch die Gesetzgeber auf EU-, Bundes- und Länderebene das Thema für sich entdeckt und ihre Dynamik entfaltet. Gleichzeitig geht es nicht mehr nur um Gesetze und Verordnungen oder darum, den erwähnten Schalter manuell oder digital umzulegen. Es geht vordringlich um Klimaschutz, Umweltschutz und den betrieblichen CO2-Fußabdruck. Klimatransformation durch die Bündelung vieler Einzelmaßnahmen ist nicht mehr nur eine Absichtserklärung sondern verlangt Nachweise – zum Beispiel im Rahmen der neuen EU-Richtlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und zu den nachhaltigkeitsbezogenen Sorgfaltspflichten in der Wertschöpfungskette. Und weil nicht alle Betriebe das idyllische Kleinklein lieben, wie uns das offizielle Bäckerhandwerk gerne weismachen will, werden deutlich mehr backende Betriebe zu diesen neuen Nachweispflichten herangezogen, als uns das spontan bewusst wäre. Mit dem spitzen Bleistift lassen sich diese Berichte manuell kaum mehr bewältigen. Es bedarf einer strategischen Digitalisierung, die Potenziale nicht nur dokumentiert, sondern auch identifizieren und vor allem präsentieren kann.

Umweltleistungen stehen künftig in enger Beziehung zur Kreditwürdigkeit

Die Präsentation mag auf den ersten Blick als das geringste Problem erscheinen. Allerdings ist sie nicht zu unterschätzen, wenn künftig zum Beispiel die Kreditwürdigkeit mittelständischer Unternehmen mit davon abhängt, wie ernst sie Klima- und Umweltschutz nehmen und die daraus abgeleiteten Berichtspflichten. Bisher sei nur gut der Hälfte der größeren KMU ohne Kapitalmarktorientierung bekannt, dass sie ab 2025 zu einem Nachhaltigkeitsbericht in ihrem Lagebericht verpflichtet sind, stellte jüngst das Institut für Mittelstandsforschung fest. Wie nachhaltig ein Unternehmen für sich und in seiner Lieferkette agiert, wird künftig in enger Beziehung zur Nachhaltigkeit der Kreditangebote von Banken und Sparkassen stehen. Den dadurch erhöhten Bedarf an Informationen durch Finanzierungspartner sehen viele KMU noch nicht. Dies mag mit ein Grund dafür sein, dass sich Kredite an KMU derzeit grundsätzlich negativ auf die Nachhaltigkeitsbilanz einer Bank oder Sparkasse auswirken – die dann wiederum die Kreditwürdigkeit anfragender KMU herabstuft und sich der Kreis schließt.

Nicht nach dem Staat rufen, wenn die Lösung mitten im Betrieb liegt

Nicht nur deshalb sollte derzeit das offizielle Bäckerhandwerk alle Hände voll zu tun haben mit seiner strategischen Digitalisierung – um für das, was direkt vor der Tür steht, gewappnet zu sein. Man muss nicht immer nach dem Staat rufen, wenn die Lösung mitten im Betrieb liegt. Zum Beispiel das beliebte Thema Mehrwertsteuersenkung: Im Zuge der Corona-Pandemie von 2019 bis 2022 senkte die Bundesregierung 2020 den Umsatzsteuersatz auf Speisen für die Gastronomie auf sieben Prozent. Diese Maßnahme wurde später über den 31. Dezember 2022 hinaus befristet bis zum 31. Dezember 2023 verlängert. Für den deutschen Steuerzahler ist die «Anwendung des ermäßigten Umsatzsteuersatzes auf Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen mit Ausnahme der Abgabe von Getränken» unter dem Strich eine der höchsten Hilfeleistungen überhaupt. Wie aus dem Subventionsbericht des Bundes hervorgeht, sind allein 2022 Steuermindereinnahmen von 2.290 Millionen Euro entstanden. Für 2023 rechnet der Bericht mit einem Minus von 3.085 Millionen Euro. Es wundert also nicht, dass die Bundesregierung – mit Verweis auf die angespannte Haushaltslage durch den Krieg in der Ukraine – die Ermäßigung zum 31. Dezember 2023 auslaufen lassen will. Zwar stand irgendwann im Raum, dass die Bundesregierung die Senkung dauerhaft entfristen könnte. Doch war das vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Der Krieg selbst löste eine «Zeitenwende» aus, die unter anderem den Wohlstand in Deutschland sinken ließ und weiter sinken lässt.

2023 ist ein Jahr, in dem der Blick nach vorne gerichtet sein muss

Klagen ist das Morgenlied der Kaufleute und selbstverständlich bleibt es jedem Betrieb überlassen, in den Ruf nach Steuersenkungen einzustimmen. Das ist populär und kostet nichts. Andererseits: 2023 ist nicht das Jahr, in dem Unternehmen Zeit für aussichtslose Debatten hätten. 2023 ist ein Jahr, in dem der Blick konsequent nach vorne gerichtet sein muss. Strategische Erwägungen müssen in eine tiefgreifende Digitalisierung münden – in dem Sinn, dass nicht nur effizienter verwaltet, sondern auch sorgfältiger gearbeitet und besser verdient wird. Dann klappt das auch mit dem Abführen der regulären Umsatzsteuer. Die passenden Tools für eine optimierte Betriebsführung sind längst erhältlich und werden nicht zuletzt dank Künstlicher Intelligenz stetig verbessert – weiß Ihre Ute Speer, Bäckermeisterin (Foto: pixabay.com).