Donnerstag, 22. Oktober 2020

Kein Entkommen mehr möglich: Pestizide sind heute überall

München. (um / eb) Viele giftige Pestizide und ihre Abbauprodukte verbreiten sich in erschreckendem Ausmaß über die Luft bis in Städte und Nationalparks hinein. Die Risiken für Gesundheit und Artenvielfalt sind unabsehbar. Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München fordern ein Sofortverbot von fünf Pestiziden, den Ausstieg aus dem Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide bis zum Jahr 2035 und die Entschädigung von Bio-LandwirtInnen.

Pestizide verbreiten sich in ganz Deutschland kilometerweit durch die Luft. Dies belegt die bislang umfassendste bundesweit durchgeführte Studie zur Pestizid-Belastung der Luft, die das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München in Auftrag gegeben haben. Die Ergebnisse der Messungen an insgesamt 163 Standorten in ganz Deutschland zwischen 2014 und 2019 wurden jetzt veröffentlicht. WissenschaftlerInnen des Forschungsbüros «TIEM Integrierte Umweltüberwachung» konnten unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation als «wahrscheinlich krebserregend» eingestufte Glyphosat in allen Regionen Deutschlands und weit abseits von potentiellen Ursprungs-Äckern nachweisen. An rund drei Viertel aller untersuchten Standorte wurden jeweils mindestens fünf und bis zu 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden. Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar. Insgesamt fanden sich bundesweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren.

Download der Studie «Pestizid-Belastung der Luft»

Die Studie «Pestizid-Belastung der Luft» gibt es zum Herunterladen in zwei Versionen:

Karl Bär, Agrarexperte im Umweltinstitut München: «Die Ergebnisse unserer Studie sind schockierend. Glyphosat und andere Ackergifte verteilen sich als wahrer Pestizid-Cocktail bis in die hintersten Winkel Deutschlands. Pestizide landen in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in unserer Atemluft. Wir fordern die Bundesregierung auf, umgehend zu handeln und Mensch und Natur besser zu schützen. Die Ackergifte, die sich am meisten verbreiten – Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor -, müssen sofort verboten werden.» Diese fünf Wirkstoffe konnten bei den Messungen am häufigsten und weit entfernt von potentiellen Quellen nachgewiesen werden. Bär kritisiert, dass der sogenannte Ferntransport von Pestizidwirkstoffen bislang im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft: «Immer wieder werden biologisch bewirtschaftete Äcker durch Ackergifte kontaminiert, ganze Ernten gehen so verloren. Unsere Studie liefert nun einen wesentlichen Grund dafür: Die Pestizide gelangen über die Luft auf Getreide, Obst und Gemüse, das von Bio-Bäuerinnen und -Bauern naturverträglich und ohne den Einsatz chemisch-synthetische Pestizide angebaut wurde. Bislang trägt die Biobranche die Kosten für die aufwendigen Kontrollen ihrer Produkte und für Ware, die nicht mehr als Bio verkauft werden kann, weitgehend selbst. Agrarministerin Julia Klöckner muss die Beeinträchtigung des Bio-Landbaus durch chemisch-synthetische Ackergifte stoppen.» Solange Pestizide in großem Ausmaß angewendet werden, müssen Öko-Landwirte bei Kontaminationen ihrer Ernte über einen Ausgleichs-Fonds entschädigt werden, fordert Frank. Der muss durch zehn Prozent der jährlichen deutschen Umsatzerlöse der Pestizid-Hersteller gespeist werden.

Industrieverband Agrar: «Funde selten und unbedenklich»

Frankfurt. (29.09. / iva) Als alarmistisch und wissenschaftlich nicht valide hat der Industrieverband Agrar e. V. (IVA) die jüngste Veröffentlichung der Umweltorganisation «Umweltinstitut München» kritisiert. In der in Auftrag gegebenen Studie geht es um die sogenannte Luftverfrachtung, also Verwehungen von Pflanzenschutzmitteln über größere Strecken.

«Über diese Kampagne sind wir wirklich erstaunt. Die Hersteller-Firmen appellieren schon länger, die Fälle, bei denen Landwirte ihr Erntegut nicht mehr vermarkten konnten, klar zu benennen. Bisher haben wir keine konsistenten Hinweise aus der Bio-Branche erhalten. Hier wird der Dialog seit Jahren verweigert», sagt IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer. «Doch nicht nur die Funde sind offenbar selten; die dabei nachgewiesenen Mengen sind so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind. Hier wird ein Thema künstlich aufgebauscht», sagt Gemmer. Heute lasse sich jeder beliebige Stoff im Spurenbereich nachweisen.

Die Erfahrungen aus der Praxis zeigten, dass ein guter Informationsaustausch zwischen den landwirtschaftlichen Betrieben ein pragmatischer Weg sei, um die Vermarktung von Ernteprodukten sicherzustellen. «Pflanzenschutzmittel leisten einen wichtigen Beitrag, Qualität und Ertrag unserer Nahrungsmittel zu sichern», sagt Gemmer. Überzogene Risikodebatten seien vor diesem Hintergrund wenig hilfreich. Als Verband stehe man als Gesprächspartner zur Verfügung, um den Dialog zu dem Thema fortzusetzen.

Der Industrieverband Agrar e. V. (IVA) vertritt die Interessen der agrochemischen Industrie in Deutschland. Zu den Geschäftsfeldern der 53 Mitgliedsunternehmen gehören Pflanzenschutz, Pflanzenernährung, Biostimulanzien und Schädlingsbekämpfung. Die vom IVA vertretene Branche steht nach eigegen Angaben für innovative Produkte für eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft.

Für die Studie «Pestizid-Belastung der Luft» wurden von März bis November 2019 über die gesamte Bundesrepublik Pestizide in der Luft gemessen. Untersucht wurden Standorte im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu mehr als 1000 Metern Entfernung von potentiellen Quellen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten. Die Daten wurden mit Hilfe von neu entwickelten technischen Passivsammelgeräten, aus Filtermatten in Be- und Entlüftungsanlagen von Gebäuden sowie durch die Analyse von Bienenstöcken und Baumrinden erhoben. Unterstützt wurde die Studie von LandwirtInnen, ImkerInnen und interessierten Privatpersonen. Sie stellten die Pestizidsammler nach Anleitung der WissenschaftlerInnen auf und sandten die Proben zur Auswertung ins Labor. In die Gesamtstudie flossen zudem Ergebnisse einer Untersuchung ein, bei der zwischen 2014 und 2019 Baumrinden auf Pestizide geprüft wurden.

Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München stellen sich hinter die Forderung der Europäischen Bürgerinitiative «Bienen und Bauern retten!», bis zum Jahr 2035 in der EU schrittweise alle chemisch-synthetischen Pestizide zu verbieten. Im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren muss bis dahin der Ferntransport und die Kombinationswirkung unterschiedlicher Wirkstoffe stärker berücksichtigt werden. Die Initiatoren der Studie begrüßen die Initiative des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), ein jährliches Monitoring über die Verbreitung von Pestiziden in der Luft durchführen zu lassen. Allerdings muss sichergestellt werden, dass das Monitoring regelmäßig, flächendeckend und umfassend für alle Pestizidwirkstoffe – also auch für nicht zugelassene – durchgeführt wird (Foto: pixabay.com).

Vom Winde verweht: Pestizide bleiben nicht dort, wo sie aufgetragen wurden

Berlin. (29.09. / bund) Anlässlich der Vorstellung der Studie «Pestizidbelastung der Luft» des Umweltinstituts München und des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft erklärt Olaf Bandt, Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (B.U.N.D.):

«Die Studie zeigt klar: Pestizide bleiben nicht nur dort, wo sie ausgebracht werden. Sie sind extrem mobil und greifen auch außerhalb der Einsatzorte in Ökosysteme ein. Der Pestizideinsatz in der konventionellen Landwirtschaft ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit, denn er geht zu Lasten von Mensch, Natur und Wirtschaft.

«Insekten werden durch Pestizide in Art und Anzahl dramatisch dezimiert. Menschen können sich nicht mehr vor Pestiziden schützen, denn selbst wenn Verbraucherinnen und Verbraucher ausschließlich Bio-Produkte kaufen, atmen sie Pestizide durch die Luft ein.

«Auch der Wirtschaftszweig der Biolebensmittel wird in die Verantwortung hineingezogen, obwohl diese Branche auf chemisch-synthetische Pestizide verzichtet. Die Bio-Branche ist gezwungen, in teure Tests zu investieren, um sicherzugehen, dass ihre Produkte nicht durch Abdrift und Ferntransport verunreinigt sind. Die Kosten tragen letztendlich die Biokunden, auch wenn der konventionelle Anbau Verursacher ist.

«Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner darf diesen hohen Pestizideinsatz nicht mehr länger verteidigen. Die Schäden durch Pestizideinsatz dürfen nicht mehr länger auf Verbraucher, Bio-Branche und Artenvielfalt abgewälzt werden.

«Wir brauchen ein nationales Pestizidreduktionsprogramm mit verbindlichen Zielen und Maßnahmen, welches auch die Bäuerinnen und Bauern unterstützt und sich mindestens am Ziel der EU-Kommissionsstrategie ‘Farm to Fork’ von 50 Prozent Pestizidreduktion bis 2030 orientiert. Notwendig ist weiterhin ein Verbot besonders gefährlicher Wirkstoffe und eine Reform des Zulassungssystems, in dem die Ausbreitung von Pestiziden über die Luft berücksichtigt wird.»