Donnerstag, 21. Januar 2021

Fleischatlas 2021: Daten und Fakten zu Tieren als Lebensmittel

Berlin. (hbs / eb) Trotz der globalen Auswirkungen des immensen und nach wie vor steigenden Fleischkonsums habe kein Land der Welt eine Strategie zur Senkung des Fleischverbrauchs. Dabei könnten Regierungen durch Gesetze und finanzielle Anreize wichtige Beiträge dazu leisten, heißt es im Fleischatlas 2021 der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Das ist falsch und auf diese Idee kann nur kommen, wer sich in seinen Ausführungen allein auf den Stillstand und die Unterlassungen von Agrarministerin Julia Klöckner stützt. Die Agrarministerin ist die Letzte, die die Perspektive des Deutschen Bauernverbands (DBV) infrage stellen und die kurzsichtige Marschrichtung verlassen würde. Der Innovationsstau in der deutschen und damit auch europäischen Landwirtschaftspolitik ist heute so groß, wie es kaum noch zu beschreiben geht. Es fehlen die Worte.

Um es kurz zu machen: Der weltweite Fleischverbrauch lässt sich nicht senken und wird weiter steigen. Alles andere ist Bullerbü-Romantik. Die unsägliche und zerstörerische Erzeugung von «Proteineinheiten» könnte dennoch bald der Vergangenheit angehören. Länder mit weniger Innovationsstau könnten sich plötzlich zu führenden Fleischexporteuren aufschwingen, von denen wir das am wenigsten erwarten. Nationen wie Singapur und Israel gehören zu den Vertretern einer klugen Politik, die ihrer Forschung und Wirtschaft schon heute den Weg ebnen in eine Zeit, in der der aktuell noch tonangebende und fast alle Subventionen verschlingende DBV hoffentlich von alleine implodiert ist.

Schade nur, dass bis dahin die fehlgeleitete und durch Verbandsinteressen geprägte Politik viele Ressourcen verschlingen und verschleißen wird, die wir an anderer Stelle dringend benötigen würden. Sicher liegt die Zukunft der Fleischerzeugung teilweise in der Produktion von Fleischersatz auf pflanzlicher Basis. Der Mensch gehört jedoch zur Gattung der Fleischfresser, weshalb die Erzeugung von echtem Fleisch im Bioreaktor langfristig die weitaus größeren Erfolge wird verbuchen können. In ein paar Jahrzehnten wird kaum noch jemand argentinische oder brasilianische Rinderherden benötigen, für die heute noch der halbe Regenwald abgeholzt wird. Auch die deutschen Schweinebarone, die unsere Äcker mit Gülle verpesten, um ihre Exporte weiter steigern zu können, werden kaum mehr gefragt sein. Das ist die Zukunft, die Deutschland derzeit nur leider komplett verschläft, während andere Länder dabei sind, ihre Claims abzustecken – und die Lebensmittelkette zu sichern, wie sie sich in 50 Jahren ungefähr darstellen wird.

In diesem Sinn ist der Fleischatlas 2021 der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) tatsächlich nur der Fleischatlas 2021 – die Zustandsbeschreibung einer komplexen Fehlentwicklung im Hier und Jetzt. Von der alle wissen, dass sich was ändern muss. An der sich so schnell nichts ändern wird, weil hierzulande (a) die Visionen zu fehlen scheinen, anders denkende Initiativen (b) nur mit dem Bauernverband ins Gehege kämen und (c) Subventionen ohnehin meist nur dorthin fließen, wo die Agrarindustrie profitieren kann. Der Fleischatlas 2021 ist also nicht nur die Zustandsbeschreibung einer komplexen Fehlentwicklung. Er dokumentiert auch das zunehmende Achselzucken, mit dem sich vor allem nachwachsende Generationen frustriert abwenden.

Nachfolgend die Kurzbeschreibung des Fleischatlas 2021 aus der Feder der Autoren. Den Atlas an sich können Interessenten unter www.boell.de/fleischatlas respektive www.bund.net/fleischatlas herunterladen.


Kurzbeschreibung Fleischatlas 2021 (Medienmitteilung)

Die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordern von der deutschen und europäischen Politik einen grundlegenden Umbau der Fleischproduktion und gezielte Strategien für einen Verbrauchsrückgang um mindestens die Hälfte. Der heute veröffentlichte «Fleischatlas 2021» zeige, dass die weltweite Fleischproduktion ohne Kurswechsel bis 2028 um 40 Millionen auf rund 360 Millionen Tonnen im Jahr steigen könnte. Eine derartige Zunahme bei einem weiterhin zu hohen Pro-Kopf-Konsum in den Industrieländern verschärfe die Auswirkungen der Klimakrise für viele Menschen und weltweit, denn schon jetzt verursache die Tierhaltung 14,5 Prozent der globalen Emissionen. Zudem befördere die Fleischproduktion den globalen Artenschwund massiv.

Die Bürgerinnen und Bürger besonders der jüngeren Generationen verlangten zudem deutliche Veränderungen: Eine repräsentative Umfrage im «Fleischatlas 2021» zeigt, dass mehr als 70 Prozent der 15 bis 29-Jährigen die Fleischproduktion in Deutschland in ihrer jetzigen Form ablehnten. Vierzig Prozent der Befragten geben an, wenig Fleisch zu essen und 13 Prozent ernähren sich ausschließlich vegetarisch oder vegan – doppelt so viele wie im Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung. Begründet ist die kritische Haltung nicht zuletzt durch die deutliche Ablehnung der Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie, die mehr als 70 Prozent der Befragten als abstoßend empfinden.

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Heinrich-Böll-Stiftung kritisiert Landwirtschaftspolitik deutlich

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, sagte: «Die industrielle Fleischproduktion ist nicht nur für prekäre Arbeitsbedingungen verantwortlich, sondern vertreibt Menschen von ihrem Land, befeuert Waldrodungen, Pestizideinsätze und Biodiversitätsverluste – und ist einer der wesentlichen Treiber der Klimakrise. Alleine die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne emittieren mit 578 Millionen Tonnen so viel klimaschädliche Gase wie der größte Ölmulti (Exxon) der Welt und erheblich mehr als Frankreich oder Großbritannien.» Der Wachstumstrend in der globalen Fleischproduktion sei trotz Schweinepest im Kern ungebrochen. Immerhin ende in Deutschland als westeuropäischem Schlusslicht wenigstens dank der Gewerkschaften nun die Zeit der Leiharbeit und Werkverträge.

«Trotz Covid-Krise in den deutschen Schlachthöfen und dem von Julia Klöckner einberufenen Fleischgipfel im Sommer: Eine echte Fleischwende ist nicht eingeleitet. Keine Werkverträge mehr sind zwar ein gutes Zeichen, ein Ende der Ausbeutung markieren sie aber nicht. Die wirtschaftlichen Interessen der milliardenschweren Fleischindustrie und die Reformverweigerung der Politik halten uns auf einem dramatischen Irrweg, der die ökologischen Grenzen des Planeten sprengt. Das sehen inzwischen auch die jüngeren Generationen so: Sie akzeptieren das Geschäftsmodell der Fleischindustrie nicht mehr. Über 70 Prozent sind bereit, mehr für Fleisch zu zahlen, wenn die Produktionsbedingungen sich grundlegend ändern. Doch viel entscheidender ist: Eine Mehrheit von über 80 Prozent sieht vor allem die Politik in der Pflicht, endlich für eine bessere Tierhaltung und eine klimafreundliche Ernährung einzutreten», sagte Unmüßig.

BUND macht besonders auf den Irrsinn der Fleischproduktion aufmerksam

Olaf Bandt, Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sagte: «Die Politik muss dem gesellschaftlichen Wunsch nach dem Umbau der Tierhaltung Rechnung tragen. Dies erfordert eine weitreichende politische Neuausrichtung der Agrarpolitik, aber die Agrarwende wird ohne eine Ernährungswende nicht zu schaffen sein. Niedrige Preise machen es den Bäuerinnen und Bauern schwer, auf die gestiegenen Anforderungen nach mehr Umweltschutz und mehr Tierwohl zu reagieren. Daher sind die derzeitigen Proteste der Bäuerinnen und Bauern gegen die Preispolitik des Lebensmittel- Einzelhandels vollkommen richtig. Auch deshalb muss Ministerin Klöckner ihre Verantwortung wahrnehmen und die Ergebnisse des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung umsetzen. Denn damit würde eine tierschutzgerechte Tierhaltung endlich verlässliche finanzielle Grundlagen bekommen», sagte Bandt.

Deutschland hat die Spitzenposition bei der Erzeugung von Schweinefleisch und Milch in der EU und erreicht Marktanteile von über 20 Prozent. Bandt: «Riesige Mengen werden exportiert. Diese Abhängigkeit vom Weltmarkt schadet der Umwelt, den Tieren und den bäuerlichen Betrieben. Auf immer weniger Höfen leben immer mehr Tiere. Wir dürfen hier keine weiteren bäuerlichen Betriebe verlieren, wenn wir den Umbau schaffen wollen.» Seit 2010 ist die Tierzahl pro Betrieb bei Mastschweinen von 398 auf 653 gestiegen. Bedenklich sei, dass die Zahlen bei Schweinen besonders in Nordrhein-Westfalen und Niedersachen gestiegen sind, dort, wo bereits überdurchschnittlich viele Tiere gehalten werden. Damit wird die Verschmutzung des Grundwassers in diesen Regionen weiter verschärft.

Weitere Informationen: Der Fleischatlas 2021 steht unter www.boell.de/fleischatlas respektive www.bund.net/fleischatlas zum Download bereit. Der Atlas bietet auf über 50 Seiten und in über 80 Grafiken zahlreiche Daten und Fakten über Fleischproduktion und -konsum in Deutschland und weltweit. Der Atlas kann für Unterrichtszwecke auch klassensatzweise bei der Heinrich-Böll-Stiftung bestellt werden.