Donnerstag, 29. Oktober 2020

Deloitte: Der Aufschwung ist in vollem Gang

München. (dt) Das Schlimmste der Covid19-Krise scheint wirtschaftlich überstanden, und dem historisch tiefen Konjunkturtal folgt momentan ein steiler Anstieg. Dies ist das Ergebnis einer Befragung unter 100 Finanzvorständen, dem CFO Survey, den Deloitte halbjährlich bei deutschen Großunternehmen durchführt. Die aktuelle Erhebung – durchgeführt zwischen 03. und 30. September – zeigt, dass der Aufschwung tatsächlich in vollem Gange und die Stimmungslage der CFOs überraschend optimistisch ist.

«Die Geschäftsaussichten haben sich seit dem historischen Tief im März eindrucksvoll verbessert, eine sehr deutliche Mehrheit sieht sich entweder in der Erholungsphase oder sogar bereits zurück auf dem Vorkrisen-Wachstumskurs – natürlich vorbehaltlich, dass die Lage weiter so stabil bleibt und es keinen zweiten Lockdown gibt», sagt Dr. Alexander Börsch, Chefökonom bei Deloitte.

«Die CFOs sehen die konjunkturelle Lage in Deutschland wie auch die eigenen Aussichten überwiegend positiv. Das zeigt auch die generelle Investitionsbereitschaft, die sich deutlich erholt hat und knapp im positiven Bereich liegt. Investieren wollen die Unternehmen vor allem in die Optimierung von Organisation und Prozessen sowie in die Digitalisierung. Überhaupt ist zu beobachten, dass generell eher in immaterielle Assets wie Software, Daten oder Branding investiert wird – ein deutlicher Hinweis, dass die Covid19-Krise die wirtschaftliche Transformation in Richtung digitaler Wirtschaft beschleunigt hat. Allerdings sind die sektorspezifischen Unterschiede groß: Stark exportorientierte Branchen wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau leiden nach wie vor unter der Krise, eher binnenmarktorientierte Branchen wie Konsumgüter und die Immobilienwirtschaft entwickeln sich hingegen sehr viel erfreulicher.»

Geschäftsaussichten deutlich positiv

Der jähe Absturz der Konjunkturzahlen nach dem Lockdown hätte nicht vermuten lassen, dass sich die Geschäftsaussichten so rasch und deutlich erholen würden: Fiel der Indexwert beim vorangegangenen CFO Survey – erhoben mit dem Beginn der Covid19-bedingten Lockdowns – noch auf einen Indexwert von minus 68 und somit auf den tiefsten Stand seit Beginn des CFO Surveys 2012, so zeigt die im September erhobene aktuelle Umfrage eine sehr dynamische Gegenbewegung: Der Indexwert, der die Differenz zwischen der Anzahl der Unternehmen angibt, die ihre Geschäftsaussichten positiver bzw. negativer als vor drei Monaten beurteilen, schnellt auf plus 54 zurück. Das heißt, dass derzeit zwei Drittel positiver gestimmt sind als vor drei Monaten, nur jedes zehnte Unternehmen sieht die Geschäftsaussichten negativer.

Die optimistischere Bewertung zieht sich quer durch alle Branchen und zeigt vor allem deswegen einen so drastischen Anstieg der Geschäftsaussichten, weil der abgefragte Vergleichszeitraum (Juni) den absoluten Tiefpunkt der Krise markierte. Das sicher stärkste Anzeichen für eine Trendwende ist jedoch, dass schon sehr viele Unternehmen die Krise in ihrer eigenen Einschätzung weitgehend hinter sich gelassen haben. Nur bei 23 Prozent herrscht noch der Krisenmanagement-Modus, während sich 39 Prozent bereits in der Erholungsphase und weitere 38 Prozent schon zurück auf ihrem Vorkrisen-Wachstumskurs sehen. Somit sind über drei Viertel der Unternehmen mindestens in der Erholungsphase.

Umsatzverluste der Krise zum Teil schon ausgeglichen

Die Hälfte der Unternehmen glauben, die krisenbedingten Verluste in diesem Jahr wieder wettzumachen: Mehr als ein Viertel der Unternehmen (28 Prozent) sehen ihren Umsatz bereits aktuell wieder auf Vorkrisenniveau, jedes Fünfte hofft, dieses Niveau im Laufe des Jahres 2020 wieder zu erreichen. Knapp ein Fünftel der Firmen erreichen diese Zielmarke nach eigener Einschätzung erst 2022 oder später. Vor allem die Immobilienindustrie und die Konsumgüterbranche rechnen mit einer raschen Rückkehr auf das Vorkrisenniveau, wohingegen die Automobil- und die Maschinenbaubranche sehr viel pessimistischer sind: Hier erwartet ungefähr jeweils ein Drittel diese Rückkehr erst in 2022 oder später. Somit sind trotz des insgesamt positiven Bildes Teile der für die deutsche Wirtschaft wichtigen Sektoren weiterhin von der Krise stark beeinträchtigt.

Die positiven Aussichten für das eigene Unternehmen gehen einher mit einigem Optimismus für die Konjunktur: So bewerten nur ein Fünftel der Befragten die derzeitige konjunkturelle Lage in Deutschland als schlecht, 45 Prozent hingegen sehen einen positiven Konjunkturtrend, und mehr als zwei Drittel erwarten eine Verbesserung auf Sicht von 12 Monaten für Deutschland. International ergibt sich ein eher durchwachsenes Bild: Während die konjunkturelle Lage in der restlichen Eurozone und vor allem in den USA von den befragten CFOs sehr negativ gesehen wird, bewerten sie global betrachtet nur China ähnlich optimistisch wie ihr Heimatland.

Investiert wird vor allem in Digitalisierung und Optimierung

Der Absturz der Investitionsbereitschaft infolge der Krise im Frühjahr (Indexwert minus 47) hat sich wieder gedreht, aktuell knapp in den positiven Bereich (Indexwert plus 6) – das heißt, die Zahl der investitionsbereiten Unternehmen übersteigt die Zahl derer, die ihre Investitionen senken wollen. Hier zeigen sich jedoch ebenfalls starke branchenspezifische Unterschiede: So ist die Investitionsbereitschaft vor allem in der Automobilindustrie sowie beim Maschinenbau negativ, während vor allem der Chemiesektor seine Investitionsplanung deutlich positiv sieht.

Bei den Investitionsbereichen differenzieren die Unternehmen sehr stark: Klassische Investitionen (Maschinen, Anlagen, Gebäude) stehen hier weit hinter Themen wie Optimierung von Organisation und Prozessen sowie Investitionen in Digitalisierung. Die Investitionen in immaterielle Vermögenswerte sind sehr dominant, was nahelegt, dass die Transformation in Richtung digitale Wirtschaft durch die Covid19-Krise stark beschleunigt wurde.

Wurzelzeichen statt V-Verlauf?

«Auf den ersten Blick scheint alles für einen V-förmigen Aufschwung zu sprechen, doch das ist keinesfalls auch für die Zukunft ausgemacht», gibt Börsch zu bedenken: «Zum einen beruht die positive Tendenz vor allem auf dem vergleichsweise milden Pandemie-Verlauf in Deutschland; ein Wiederaufflammen der Infektionszahlen und entsprechende Lockdowns würden dies natürlich konterkarieren. Zudem ist durch den Einbruch im zweiten Quartal das Niveau der Wirtschaftsleistung sehr viel niedriger, weswegen die kräftige Aufwärtsbewegung einige Quartale anhalten müsste, um nahtlos an das Ausgangsniveau anzuknüpfen. Die großen sektorspezifischen Unterschiede bei der Erholung in Kombination mit den anhaltenden Restriktionen in einigen Sektoren wie dem Gastgewerbe, welche nicht im CFO Survey abgebildet sind, lassen dies zumindest fraglich erscheinen.»

Börsch weiter: «Der wichtigste Faktor aber dürfte sein, wie sich der Exportsektor entwickelt, der für eine ungebremste Fortsetzung des Aufschwungs in 2021 unerlässlich ist. Wichtige Exportmärkte wie USA, Frankreich, Spanien oder Großbritannien stecken aber durch die Corona-Krise in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Hinzu kommen Risiken wie der Brexit, dessen Auswirkungen ab Januar 2021 zu spüren sein könnten. Daher dürfte nach der ersten, jetzt ermittelten Dynamik ein langsameres Wachstum realistisch werden, und der Aufschwung würde weniger wie ein V verlaufen als vielmehr an die Form des mathematischen Wurzelzeichens erinnern. Im Vergleich zu den sehr düsteren Prognosen aus der ersten Jahreshälfte wäre eine zunächst dynamische, V-artige Aufwärtsbewegung und dann ein langsamerer Konjunkturverlauf in 2021 aber auch schon eine gute Nachricht.»