Montag, 22. Juli 2024

Brotforum 2024 begeisterte mit vielfältigen Erkenntnissen

Weinheim. (adb) Beim siebten Brotforum diskutierten 170 Fachleute aus dem gesamten Bundesgebiet sowie Österreich, Belgien und der Schweiz aktuelle Marktveränderungen und Entwicklungen. Die Veranstaltung an der Bundesakademie des Deutschen Bäckerhandwerks (ADB) in Weinheim war ausgebucht. Gemeinsam mit vielseitigen Protagonisten – aus der Branche und umzu – beleuchtete das Forum vorhandene und künftige Chancen von allen Seiten.

Die Teilnehmenden, darunter viele der erfolgreichsten Unternehmer der Branche, erfuhren nach einem sehr geselligen Vorabendtreff bei Brot + Wein zunächst allerneuste Zahlen zum Brotmarkt. Direktor Bernd Kütscher brachte dazu weitere Marktentwicklungen wie etwa die Chancen von künstlicher Intelligenz (KI) ein. Anschließend schilderte Brot-Sommelier Michael Kress offen das Scheitern seiner Familienbäckerei an einem Generationenkonflikt. Auch beim Neustart mit einer sehr erfolgreichen Brot-Manufaktur in Weinheim nahm er die Gäste mit. Es folgte Annette Mützel, die seit vielen Jahren als Beraterin in der Gastrobranche unterwegs ist und dabei etwa die Ikea Restaurants nebst Hot-Dog-Stationen aufgebaut hatte. Sie erläuterte, was Bäckereien von großen Marken der Systemgastronomie lernen können.

20240221-BROTFORUM-02(Fotos: Bundesakademie Weinheim)

Im zweiten Block zeigte Brot-Sommelier Marcel Paa aus der Schweiz, wie er mit YouTube-Videos und Begleitaktivitäten ein Unternehmen mit sieben Mitarbeitern betreibt. Er stellte sich dabei selbst humorvoll als «Vorgruppe» vor, denn nach seien Ausführungen betrat die bekannte YouTuberin Saliha «Sally» Özcan die Bühne. Sie hatte vor zehn Jahren als Grundschullehrerin das Backen eines Nusszopfes gepostet und begeistert heute zwei Millionen Follower bei YouTube sowie eine Million Follower bei Instagram. Im Talk mit Moderator Prof. Michael Kleinert erläuterte Sally sympathisch und authentisch ihre Motivation und gab Einblicke in ihr Unternehmen, das über 100 Mitarbeiter zählt. Alleine ihr Online-Shop bietet über 2.000 Produkte an, dazu ist sie Markenbotschafterin großer Brands. Die Gäste des Brotforums nutzten anschließend die Gelegenheit, mit Marcel Paa und Sally zu diskutieren sowie «Selfies» zu schießen.

Der dritte Block bestand aus einer sehr lebendigen Talkrunde, mit der Überschrift «Zukunft gestalten, von (A)usbildung bis (Z)utaten». Zunächst überzeugte Roland Ermer, Inhaber einer ländlichen und sehr erfolgreichen Bäckerei in Sachsen das Forum. Als neuer Präsident des Bäckerhandwerks schilderte er seine Erfahrungen aus der Lobbyarbeit in Berlin: «Wir müssen klare Kante zeigen und offen unsere Sorgen ansprechen. Die Politiker halten diese Härte aus. Nur dürfen wir als Branche dabei nie den Anstand verlieren und die gewählten Personen selbst herabsetzen». Anschließend ergänzte die «Bäckerin des Jahres», Brot-Sommelière Celestina Brandt aus Thüringen, die Talkrunde. Sie erklärte dabei nicht nur, wie sie ihre Bäckerei mit Innovationen und viel Herz führt, sondern hielt auch ein flammendes Plädoyer für mehr Frauen im Ehrenamt des Bäckerhandwerks. Brot-Sommelier Hans-Peter Rauen von der gleichnamigen Bäckerei in Heppenheim, polarisierte: «Mein Brot verkaufe ich gerne auch bei Aldi». Er schilderte offen die Gründe hierfür und unterstrich, dass ihm die Zusammenarbeit mit 18 Filialen des Discounters sowohl betriebswirtschaftlich als auch hinsichtlich der Markenbekanntheit Vorteile verschafft. Nun ergänzte Dr. Lutz Popper die Runde. Als wissenschaftlicher Direktor eines Enzymherstellers diskutierte er mit den Gästen des Brotforums über den Sinn und Zweck von Enzymen. Er appellierte, die irrationale Angst des Verbrauchers vor deren Einsatz mit sachlichen Informationen entgegenzutreten. Dies auch vor dem Hintergrund, dass der Einsatz von Enzymen in wenigen Jahren vollständig deklariert werden soll. Alle Themen wurden mit den Gästen im Brotforum kontrovers diskutiert.

20240221-BROTFORUM-03(Fotos: Bundesakademie Weinheim)

Nach einer weiteren Kommunikationspause, in der die Bäcker unter den Referenten ihre besten Brote zur Degustation aufgeschnitten haben, übernahmen zunächst sehr namhafte Wissenschaftler die Bühne. Prof. Dr. Thomas Becker von der TU München, nebenbei auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats von Akademie und Brotinstitut, begeisterte mit neusten Erkenntnissen seines Lehrstuhls. Ein weiteres Beiratsmitglied, Prof. Dr. Friedrich Longin von der Universität Hohenheim, ergänzte diese um den Aspekt des Klimawandels: «Der Kunde bezahlt mit dem Brotpreis ja nicht nur den Bäcker, sondern auch den Saatzüchter, den Landhandel, den Landwirt, den Getreidehandel, den Müller und den Großhandel wie zum Beispiel die Bäkos. Um die Herausforderungen des Klimawandels auf die Getreidequalitäten zu bewältigen, müssen alle in dieser Wertschöpfungskette enger zusammenrücken.» Zum Abschluss der Veranstaltung gab Christian Scherpel von der vielfach ausgezeichneten Malzers Backstube aus Gelsenkirchen Einblicke in die Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit. Dabei teilte er mit den Gästen sogar einen umfangreichen Nachhaltigkeitsbericht, wie er für größere Bäckereien künftig verpflichtend ist.

Von der Weinheimer Gastfreundschaft, der Qualität der Vorträge sowie der Themenvielfalt sehr inspiriert traten die Gäste des Brotforums danach den Rückweg an. Viele kündigten zuvor an, auch beim achten Weinheimer Brotforum dabei sein zu wollen, welches am Dienstag 04. Februar 2025 stattfinden wird – erneut mit einem geselligen Netzwerktreff am Vorabend (Fotos: Bundesakademie Weinheim).