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«Blue Crude»: Kraftstoff für CO2-neutrale Mobilität

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Hamburg. (eb) «Dampf-Elektrolyse für die Wasserstoffproduktion» klingt beim ersten Hinhören nicht unbedingt nach einem Thema, für das sich Bäcker interessieren müssten: Dabei geht es im Ergebnis um «Blue Crude», einen umweltfreundlichen, CO2-neutralen Kraftstoff, der kurz vor der Markteinführung zu stehen scheint. Der synthetische Diesel aus Kohlendioxid, Wasser und Ökostrom verbrennt besonders sauber. Bundesministerin Johanna Wanka (BMBF) hatte die weltweit erste Pilotanlage im November 2014 in Betrieb genommen.

Das Verfahren, mit dem aus Kohlendioxid, Wasser und Ökostrom ein klimaschonender Kraftstoff gewonnen wird, heißt «Power-to-Liquid» (PtL) und wurde von dem Unternehmen Sunfire in Dresden entwickelt. Dabei wird der «Abfallstoff» Kohlendioxid (CO2) durch chemische Prozesse so verändert, dass er wieder als Rohstoff für die chemische Industrie verwendet werden kann. Zusätzlicher Vorteil ist, dass die Anlage mit Ökostrom betrieben wird. Das gleichnamige Verbundprojekt Sunfire wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 6,4 Millionen Euro gefördert. Die Industrie steuert weitere vier Millionen Euro bei.

«Das Sunfire-Verfahren senkt den CO2-Ausstoß und macht uns unabhängiger vom Erdöl. So schützen wir das Klima, schonen Ressourcen und fördern zugleich eine Technologie, die wirtschaftliches Wachstum verspricht», sagt Bundesministerin Wanka. Der große Vorteil von Power-to-Liquid Treibstoffen ist zudem, dass die gesamte bestehende Infrastruktur, wie Tankstellen, Leitungen und Motoren unverändert genutzt werden können. «Damit ermöglichen wir eine nachhaltige Mobilität mit Erneuerbaren Energien», ist sich die Bundesministerin sicher.

Wie nachhaltiges und klimaneutrales Fahren in Zukunft aussehen kann, hat Johanna Wanka selbst ausprobiert: Im April 2015 betankte sie eigenhändig ihren Dienstwagen mit dem ersten synthetischen Diesel, der durch chemische Prozesse aus Kohlendioxid, Wasser und erneuerbarer Energie gewonnen wurde. «Blue Crude» ist einerseits besonders klimaschonend. Andererseits ist der regenerative Kraftstoff ebenso leistungsstark wie herkömmlicher Diesel aus Erdöl – und deshalb eine Innovation, die schon bald die fossilen Brennstoffe ablösen könnte.

Der hochreine, schwefelfreie, synthetische «Blue Crude» überzeugt mit besonders umweltfreundlichen Eigenschaften, die der Premium-Automobilhersteller Audi bei Labortests bestätigte. «Die Eigenschaften sind besonders gut, weil Blue Crude keine Aromaten enthält – das heißt, er verbrennt rußfrei, weil er ganz gerade Ketten hat. Das führt zur hohen Cetanzahl, der Oktanzahl des Diesels», sagt Chief Technology Officer Christian von Olshausen bei Sunfire. «Damit hat man ganz saubere und bessere Verbrennungseigenschaften: Der Motor läuft ruhiger und es entstehen weniger Schadstoffe».

Die Power-to-Liquids-Technologie soll künftig noch viel mehr leisten, als nur Kraftstoff liefern. Kern des PtL-Prozesses ist die Hochtemperatur-Wasserdampf-Elektrolyse, die in zwei Richtungen (reversibel) gefahren werden kann. Einerseits wird mit Ökostrom Wasserstoff, Rohölersatz oder synthetischer Kraftstoff erzeugt. Anderseits ist es möglich, konventionelle oder erneuerbare Brenn- und Kraftstoffe zu nutzen, um Strom für das öffentliche Stromnetz bereitzustellen.

Ob und wann eine weitere, größere PtL-Anlage entstehen wird, steht noch nicht fest. «Das internationale Interesse an der Technologie ist sehr groß, ist aber abhängig von den sich aus den regulatorischen Rahmenbedingungen ergebenden Geschäftsmodellen», sagt von Olshausen. Es wird also noch eine Weile dauern, bis konventionelle Personenkraftwagen und Lieferfahrzeuge mit CO2-neutralem Diesel betrieben werden können (Foto: pixabay.com).