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Belgien: Warum Puratos ins Vertical Farming einsteigt

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Bremerhaven. (eb) Seinen Ursprung hat das Vertical Farming im Japan der 70er Jahre. Entwickelt wurde es an der Universität Chiba bei Tokio, um Kleinbauern zu helfen – verspricht die Methode doch einen vielfachen Ertrag von dem, was auf konventionellen Feldern möglich ist. Spätestens nach dem verheerenden GAU 2011 im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi gewann die vertikale Agrarwirtschaft in Japan extrem an Bedeutung, denn: Vertical Farming ist sauber und benötigt weder Düngemittel noch Pestizide. Es kommt ohne Erde aus und benötigt nur wenig Wasser. Es braucht wenig Raum, weil die Pflanzen in Regalen gestapelt wachsen. Durch den Lichteintrag lässt sich nicht nur ihr Wachstum planen, sondern auch der Nährstoffgehalt regulieren.

Vertical Farming und seine Bedeutung für die Welternährung

Ob dem traditionellen Europäer Vertical Farming gefällt oder nicht: Entwickelt sich die Weltbevölkerung wie prognostiziert, dann wird die herkömmliche Landwirtschaft die Welt spätestens in 50 Jahren nicht mehr ernähren können. Landwirtschaft muss lernen, mit immer weniger Ressourcen immer mehr zu erzeugen. Landwirtschaft im traditionellen Sinn wird es in 50 Jahren zwar noch geben, doch ist jetzt schon absehbar, dass sich Vertical Farming als Schlüsseltechnologie durchsetzen wird.

Die knackig-frischen, kräftigen, aromatischen und vor allem gesunden Erzeugnisse aus der vertikalen Agrarwirtschaft tragen zum Umweltschutz bei und sind von den Wetterkurven des zunehmenden Klimawandels kaum bis gar nicht betroffen. Pferdefuß: Zwar weiß der gesunde Menschenverstand schon, welche Rolle Vertical Farming künftig in der Welternährung übernehmen muss. Andererseits weiß man noch nicht genug. Oder besser: Viele Kräuter sowie vereinzelte Obst- und Gemüsesorten beherrscht man schon. Wenn’s jedoch ans Eingemachte geht, zum Beispiel beim Kartoffel- und Getreideanbau, dann ist man noch ziemlich ratlos.

Vertical Farming und seine aktuellen Grenzen

In Europa sind es vor allem Wissenschaftler in den Benelux-Ländern, die die Bedeutung von Vertical Farming frühzeitig erkannt haben. Sie kennen auch das Problem mit den Kartoffeln und dem Getreide und forschen daran. Im gleichen Umfeld ist auch die belgische Puratos Gruppe unterwegs, die sich naheliegend und selbstverständlich dafür interessiert, wie es um die Ernährung der Zukunft bestellt ist. Getreide, Mehl und Sauerteig gehören schließlich dazu. Wo und wie soll das Getreide der Zukunft wachsen, wenn nicht mehr nur 7,7 Milliarden, sondern 11,1 Milliarden Menschen unseren Planeten bevölkern? Wie muss es beschaffen sein, wenn die Menschheit fast jedes Klimaziel reißt und wir unseren Kindern einen Planeten hinterlassen, auf dem wir selbst eigentlich «so» nicht mehr gerne würden leben wollen?

Einen Plan B gibt es nicht, einen Ersatzplaneten auch nicht. Die Sache ist also ziemlich ernst. Um so bemerkenswerter ist die Leichtigkeit, mit der Puratos im Rahmen einer Medienmitteilung von einem «Space-Bakery» Projekt berichtet. Dafür wurde in Belgien jetzt eigens ein Konsortium gegründet, das …

  1. mit an der Lösung des oben beschriebenen Problems arbeitet, wie der Kartoffel- und Getreideanbau der Zukunft erfolgreich und effizient gestaltet werden kann.
  2. Das hauptsächlich von der flämischen Regierung, doch auch von anderen Seiten geförderte Projekt nutzt Puratos natürlich auch zur Werbung in eigener Sache.
  3. Erträglich und für den durchschnittlichen Menschenverstand fassbar wird die praktische Forschungsarbeit durch den öffentlichen Appell an einen konventionellen Pioniergeist, der «Brot für den Mars» entwickelt.

6,3 Millionen Euro «zum Backen von belgischem Brot auf dem Mars»

Es ist kaum anzunehmen, doch vielleicht glauben die belgischen Strategen selbst an ihre Gute-Nacht-Geschichte vom «Brot für den Mars». Andererseits sind in der erwähnten Mitteilung viele Elemente enthalten, die darauf schließen lassen, dass Puratos gerade ziemlich bewusst und ernsthaft einem bedeutenden Problem auf der Spur ist. Anders lässt sich auch nicht erklären, dass die Regierung Flanderns das Projekt mit 4,5 Millionen Euro unterstützt – bei einer geschätzten Gesamtinvestition von 6,3 Millionen Euro.

Es folgt zunächst die Projekt-Übersicht (OnePager, Format PDF), dann die aus dem Englischen übersetzte, ungekürzte Medienmitteilung von Puratos:

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Die ungekürzte Pressemitteilung aus Groot-Bijgaarden …

Werden die ersten Menschen, die auf dem Mars Brot backen und essen, es dank eines belgischen Durchbruchs tun? Dies ist die Herausforderung für das Space-Bakery Projekt, ein einzigartiges Konsortium aus sieben belgischen Organisationen, das von der Expertengruppe für Bäckerei, Konditorei und Schokolade Puratos geleitet wird. Bevor sie jedoch ihre Forschung nutzen, um die ersten Menschen auf dem roten Planeten im Laufe dieses Jahrhunderts zu ernähren, zielt das Projekt darauf ab, einen klaren Einfluss auf die heutige Erde zu haben. Das Projekt wird sich darauf konzentrieren, wie wir Lebensmittel auf nachhaltigere Weise produzieren können und wird dazu beitragen, dass viele Regionen auf der ganzen Welt ein Grundnahrungsmittel erhalten. Das Konsortium wurde gerade von der flämischen Regierung über VLAIO – Flanders Innovation + Entrepreneurship – mit einem Zuschuss von 4,5 Millionen Euro unterstützt und trägt damit zu einer Gesamtfinanzierung von über 6,3 Millionen Euro bei.

Vier große, miteinander verbundene Container werden in Kürze am Hauptsitz von Puratos in Groot-Bijgaarden installiert. Von außen mögen sie gewöhnlich erscheinen, doch am 01. Januar 2020 beginnen die Forscher hier mit der Arbeit im geschlossenen ökologischen Pflanzenbausystem und der Bäckerei. Was sie entdecken, könnte einen großen Einfluss auf unsere Nahrungsmittelproduktion auf der Erde und auf dem Mars haben, sobald die Menschen ihre Weltraumforschung beginnen.

Anhand der beeindruckenden Infrastruktur des Pflanzenanbaus lernen die Forscher der sieben Mitglieder des Konsortiums, wie man die idealen Bedingungen für eine effiziente Produktion von Weizenkulturen und anderen Pflanzen, die zur Steigerung des Nährwerts in Brot aufgenommen werden können, schafft. Doch warum sollte man sich auf Brot konzentrieren? Weil es sehr nahrhaft ist und weltweit konsumiert wird, ist es ein idealer Kandidat als Grundnahrungsmittel für die Weltraumforschung.

Filip Arnaut, Upstream R+D Director bei Puratos, sagte zu dem Projekt: «Mit diesem Konsortium bringen wir verschiedene Wissensbereiche und belgisches Fachwissen zusammen, um eine sehr wichtige Frage zu beantworten: Wie können wir den Nährwert, die Nachhaltigkeit und die effiziente Nutzung von Energie zur Herstellung von Lebensmitteln – hier Brot, eine unserer Spezialitäten – heute und auch morgen in einem anspruchsvolleren Umfeld weiter verbessern?»

Die Umwelt auf dem Mars unterscheidet sich stark von der unseren auf der Erde; der Mangel an Atmosphäre, kalte Temperaturen und Staubstürme bieten nicht die richtigen Bedingungen für den Pflanzenbau. Aus diesem Grund wird die Forschung in den gekoppelten Containern stattfinden, einem geschlossenen und selbsttragenden System, in dem das Klima so angepasst werden kann, dass es für den Pflanzenanbau unter optimaler Nutzung der Ressourcen geeignet ist.

Parallel zur Pflanzenforschung wird das Konsortium auch viele andere Aspekte des gesamten Lebensmittelproduktionszyklus untersuchen, wie die Nutzung und das Recycling von Ressourcen, die Überwachung des mikrobiellen Klimas, den Einfluss von Strahlung und die Bestäubung durch automatisierte Drohnen.

  • Das Konsortium wird von der Puratos Gruppe geleitet, einem internationalen Hersteller von Zutaten und innovativen Lösungen für den Backwaren-, Konditorei- und Schokoladensektor mit Sitz in Belgien. Die jahrhundertelange Erfahrung in der Brotherstellung und Innovation wird von entscheidender Bedeutung sein, da Lebensmittel, die auf dem Mars oder auf der Erde verzehrt werden, nahrhaft – und auch lecker sein müssen.
  • Das Unternehmen Urban Crop Solutions, ein Lösungsanbieter für den vertikalen Landbau, hat die Infrastruktur für das Pflanzenwachstum entwickelt und wird eine variable Klimabiosphäre weiterentwickeln, ein hermetisch abgeschlossenes Gebäude, in dem verschiedene klimatische Bedingungen simuliert werden können, um das Wachstum einer Vielzahl von Kulturen in Kombination mit menschlicher Behausung zu unterstützen. Das Unternehmen wird auch an der Entwicklung eines KI-Algorithmus arbeiten, um das Pflanzenwachstum zu optimieren und den Ressourceneinsatz zu minimieren.
  • Magics Instruments, ein Technologieunternehmen, das sich auf die Entwicklung von Chips und intelligenten Sensoren auf Basis künstlicher Intelligenz spezialisiert hat, wird sich auf die Automatisierung der Bestäubung konzentrieren und gemeinsam mit Urban Crop Solutions untersuchen, wie künstliche Intelligenz das Pflanzenwachstum optimieren kann.
  • SCK-CEN, die Forschungsgruppe BioSciences, wird den Einfluss von Mikroorganismen auf die Freisetzung von Nährstoffen an Pflanzen untersuchen und das gesamte mikrobielle Klima in der geschlossenen Umgebung überwachen. Darüber hinaus werden sie die Auswirkungen erhöhter ionisierender Strahlung, wie sie im Weltraum und auf dem Mars vorhanden ist, auf das Weizenwachstum untersuchen.
  • Die Universität Gent wird durch ihre angewandte pflanzenökophysiologische Forschung an der Fakultät für Biowissenschaftstechnik ein 3D-Modell des Weizenwachstums und der Weizenentwicklung erstellen, das funktionell-strukturelle Pflanzenmodelle und Daten von innovativen Pflanzensensoren verwendet. Aus diesem «virtuellen 3D-Kult» soll dann der optimale und nachhaltigste Weg zum Weizenanbau im geschlossenen Biosphärensystem ermittelt werden.
  • Die Universität Hasselt mit ihrem Zentrum für Umweltwissenschaften wird analysieren, wie die Abfälle der Weizenpflanze genutzt werden können, um das geschlossene Biosphärensystem durch Wiederverwendung organischer Stoffe kreisförmig zu machen.
  • Flandern Food, der Spitzencluster für Agrar- und Lebensmittel und Unterstützer des Projekts, wird sich auf die Zusammenarbeit entlang der gesamten Lebensmittel- Wertschöpfungskette konzentrieren. Sie werden auch die weitere Koordinierung und Verbreitung des Projekts leiten.

Inge Arents, Geschäftsführerin von Flandern Food, sagt: «Das SpaceBakery-Projekt ist wichtig für die Strategie von Flandern Food. Es ist ein Beispiel für nachhaltige und widerstandsfähige Agrar- und Ernährungssysteme und unterstreicht, wie Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion es zukünftigen Generationen ermöglichen können, leckere Lebensmittel für einen gesunden Lebensstil zu genießen. Wir hoffen, dass dieses Projekt andere Unternehmen im breiten Ökosystem der Lebensmittelindustrie inspiriert. Wir sind Vlaio dankbar, dass wir die Finanzierung dieses Projekts unterstützen konnten.»

Das einzigartige belgische Konsortium wurde kürzlich gegründet und wird seine Forschung im GrootBijgaarden am 01. Januar 2020 für einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren aufnehmen. Für die Finanzierung der Forschung werden von den sieben Partnern insgesamt 6,3 Millionen Euro investiert.

Das SpaceBakery-Projekt legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit, Gesundheit und effiziente Ressourcennutzung und bietet Lösungen, die für die Raumfahrttechnologie von morgen und heute hier auf der Erde von großer Bedeutung sein werden (Foto: pixabay.com).