Montag, 26. September 2022

«Agrarwende jetzt!» wird längeren Atem benötigen

Bremerhaven. (eb) Der Innovationsstau im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist groß und betrifft nicht nur die »16 Jahre«, die aktuell so gerne angeführt werden. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eng mit dem Deutschen Bauernverband (DBV) verknüpft – ohne jetzt zu weit ins Detail zu gehen. Jedenfalls erklärt sich das Selbstverständnis und der große Einfluss des Verbands bis heute zum Beispiel aus der Tatsache, dass es der DBV war, der bei der Geburt der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich am Aufbau des ersten Landwirtschaftsministeriums beteiligt war. Damit erklären sich die Schwerpunkte und Sichtweisen, die 1949 Einzug hielten und viele Jahre die Politik bestimmten.

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Hin und wieder wurden kleine Korrekturen vorgenommen, doch gingen die nie so weit, dass grundsätzliche Strukturen infrage gestellt worden wären. Was in den Anfangsjahren die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln sichern sollte, hat sich mit der Zeit zu einer Organisation entwickelt, die zumindest auf dem Papier die Sicherheit und Gesundheit der Lebensmittel und die Folgen der Lebensmittelproduktion einerseits, sowie die wirtschaftlichen Belange der Landwirte andererseits in den Fokus nimmt. Klar ist: Der Innovationsstau, der über viele Jahre sowohl die Ernährungspolitik als auch die Landwirtschaftspolitik prägte, wird nicht von heute auf morgen aufzulösen sein.

Zum Beispiel in der Ernährungspolitik wird es Jahre brauchen, bis ein heute anerkannter europäischer Standard hierzulande soweit verankert ist, dass Deutschland wieder mitreden kann. In der Landwirtschaft sind die strukturellen Probleme und Fehlentwicklungen weitaus komplexer und reichen bis ins EU-Parlament und die Europäische Kommission. Es wird Jahre brauchen und bedarf einer gut informierten, aktiven Bürgerschaft, um die Landwirtschaft nachhaltig in umweltverträgliche Bahnen zu lenken.

»Die Landwirte« gibt es nicht mehr

Wenn sich das Aktionsbündnis »Wir haben es satt!« also selbst im Januar 2022 zu Wort meldet, dann macht es nicht nur auf einen Handlungsdruck aufmerksam, sondern verdeutlicht ganz beiläufig auch eine wichtige Verschiebung: »Die Landwirte« gibt es nicht mehr. Viele Bauern stimmen heute mit der DBV-Linie nicht mehr überein und organisieren sich woanders. »Den Bauernverband« gibt es infolgedessen auch nicht mehr. Ihm bröckelt die Basis weg angesichts seines Schwerpunkts auf bäuerliche Großbetriebe und die Agrarindustrie. Viele Familienbetriebe können nicht mithalten und müssen ihre Höfe aufgeben.

Dieser Trend wird nicht von heute auf morgen zu stoppen sein. Ebenso wenig wird sich der Einfluss des Deutschen Bauernverbands durch alle Instanzen hindurch von heute auf morgen in Luft auflösen. Eine zunehmende Bewusstseinsbildung kann aber dafür sorgen, dass wir alle gemeinsam weiterdenken als nur bis zum Lebensmittel-Einzelhandel (LEH). Brot, Milch und Wurst kommen eben nicht nur aus dem LEH-Regal, sondern haben ihren Ursprung bestenfalls auf den Feldern vor unserer Haustür.

Das ist einer der »Mainstreams«, die wir für die Zukunft zurückerobern können. Es wird noch andere Strömungen geben müssen, die für die Ernährungssicherung der Zukunft zu entwickeln sind. Nicht mehr nur einzelne Interessengruppen gegeneinander ausspielen, sondern sich klar zu positionieren und den ökologischen Landbau zum Leitbild zu nehmen, ist ein Anfang (Fotos: wir-haben-es-satt.de – Nick Jaussi).

Mit kaum zu übersehenden Stroh-Buchstaben forderten am 22. Januar 2022 über 60 Organisationen aus Landwirtschaft und Gesellschaft in Berlin eine nachhaltige Agrar- und Ernährungspolitik. Aus 50 Tonnen Stroh bildete das Aktionsbündnis «Wir haben es satt!» vor dem Deutschen Bundestag den 4,5 Meter hohen Schriftzug «Agrarwende jetzt!». Damit unterstrichen die Demonstrierenden aus dem gesamten Bundesgebiet ihre Erwartung an Bundesminister Cem Özdemir (BMEL), jetzt für einen schnellen und entschlossenen Umbau der Land- und Lebensmittelwirtschaft zu sorgen.

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