Home > Ernährung + Verbraucher > Ändern Städte unsere Wahrnehmung von Essen und Natur?

Ändern Städte unsere Wahrnehmung von Essen und Natur?

Kulmbach. (kern) Milch ohne Kühe, Eiweiß ohne Hühner, Rindfleisch ohne Rinder und Gemüse ohne Ackerfläche – die Landwirtschaft der Zukunft findet nicht mehr nur im Stall und auf dem Acker statt, sondern in urbanen Nahrungsmittel-Laboren mitten im Herzen unserer Städte. Was wie Science Fiction klingt ist heute schon Realität – auch in Deutschland. Wie weit diese futuristisch anmutenden Szenarien schon Realität sind, zeigte der dritte Global Food Summit, der kürzlich in der Münchner Residenz stattfand. Angesichts einer rasant wachsenden Weltbevölkerung, ist diese Diskussion und die Suche nach praktikablen, finanzierbaren Lösungen keine Minute zu früh.

Die Ernährung der Bevölkerung ist eine große Herausforderung, die alle angeht. Das hat auch die Politik erkannt. So sprach Michaela Kaniber, Bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, in ihrer Eröffnungsrede von technischen, kulturellen und rechtlichen Herausforderungen die so komplex sind, dass einzelne Unternehmen oder ein Staat allein diese nicht bewältigen können. Hier seien Stadt und Land gleichermaßen gefordert. So sind «Foodtropolis» und «Foodvillage» für die Ministerin kein Widerspruch. Ländliche Gebiete und Familienbetriebe spielten in der bayerischen Landwirtschaft schon immer eine wichtige Rolle. Zukünftig würden aber auch disruptive Innovationen wie Urban Farming, Urban Gardening oder Aquaponic zunehmend wichtiger.

20190415-KERN
Ähnliche Worte fand auch ihre Exzellenz Miriam al Mehairi, Ministerin für Nahrungsmittelsicherheit aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die in ihrer Ansprache Einblicke in die Nahrungsmittelstrategie der Emirate gab. Für die Politikerin bedeutet Nahrungsmittelsicherheit allen Bürgern ein gesundes und aktives Leben zu ermöglichen. Zudem solle auch in Krisenzeiten und bei Notfällen erschwingliche Lebensmittelpreise sichergestellt sein. Für die Emirate bedeutet das konkret Handelserleichterungen im Agrarsektor, eine technikgestützte Lebensmittelproduktion, die Reduzierung von Nahrungsmittelverlusten, hohe Lebensmittelsicherheit sowie ein optimales Risiko- und Krisenmanagement.

Doch die politische Einsicht allein genügt nicht. So betonte Máximo Torero, stellvertretender Generaldirektor der Abteilung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Food and Agriculture Organisation (FAO) die Notwendigkeit wirtschaftliche Entwicklungen zu unterstützen und deren Umweltauswirkungen zu reduzieren. Für ihn sind sichere, gesunde und erschwingliche Lebensmittel in Städten essentiell. Zudem müssen sich digitale Techniken ergänzen, andernfalls bestünde Gefahr von Konzentration, Monopolen und Ungleichheit. Als eine Lösungsmöglichkeit, die anstehenden Herausforderungen wie etwa den Klimawandel zu meistern, sieht der Experte in der städtischen Landwirtschaft. Um positive Effekte zu erzielen, sollten allerdings soziale, ökonomische und umwelttechnische Faktoren zusammen betrachtet werden.

Das Gebot der Stunde ist somit die Entwicklung moderner Methoden. Dies haben Start-ups schon früher erkannt und erstaunliche Ideen entwickelt, die auch das Potenzial zur Verwirklichung haben. Im Rahmen des Global Food Summit`s hatten ausgewählte Start-ups die Gelegenheit, ihre Geschäftsmodelle vorzustellen. Das auf Vertical-Farming spezialisierte Start-up Agrilution stellte seine Systemlösung für Gemüse- und Kräuteranbau auf weniger als einem Kubikmeter vor. Dabei lassen sich klimatische Bedingungen in den Wachstumsboxen automatisch, pflanzenspezifisch anpassen und so optimale Voraussetzungen schaffen.

Mit künstlicher Intelligenz will das Jungunternehmen Noyanum die Lebensmittelverschwendung in Kantinen und Restaurants reduzieren. Hierzu setzen die Entwickler Wetterdaten und Besucherzahlen sowie die Daten zu Semesterferien und Urlaubstagen in Korrelation und errechnen, wie viele Gerichte voraussichtlich verkauft werden.

Die Regiothek hat eine Plattform geschaffen, auf der kleine Betriebe aus der Region zeigen können, wer sie sind und was ihre Produkte einzigartig macht. Die Plattform dient dazu, kleine und lokale Strukturen zu fördern und soll eine De-Monopolisierung voranbringen.

Das kanadische Start-up Quinta hat den Wertschöpfungsprozess rund um das proteinreiche Quinoa optimiert und erfolgreich am kanadischen Markt etabliert. Das Unternehmen arbeitet eng mit Landwirten zusammen und ist auch in der Lage, große Mengen an Quinoa auf trockenen Böden zu produzieren.

Der Gewinner war das israelische Start-up Redefine Meat, das täuschend echt aussehendes und schmeckendes «Fleisch» mit Hilfe rein pflanzlicher Zutaten aus 3D-Druckern produzieren möchte.

Dass die klassische, konventionelle Landwirtschaft den Bedarf an Lebensmitteln in der Zukunft alleine nicht mehr decken kann, ist mittlerweile eine bekannte Tatsache. Die weltweiten landwirtschaftlichen Nutzflächen werden immer kleiner, da der Flächenbedarf der Städte immer größer wird oder fruchtbarer Boden für die Energiegewinnung verloren geht. Zudem ist die Landwirtschaft dem Klimawandel ausgesetzt, der zum Beispiel durch längere Hitzeperioden, Überschwemmungen oder anhaltender Trockenheit die Urproduktion von Lebensmitteln negativ beeinflusst. Um diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können, forderten die Experten neue und systemische Denkweisen, um mit neuen Lösungen den Hunger der Welt zu bekämpfen. Aquakulturen, vertikale Landwirtschaft, Insektenzucht, Fleischersatz, Stammzellen-Fleisch, Urban Farming, Rooftop Gardening oder schwimmende Farmen sind nicht nur vielversprechende Ideen, sie sind auf dem besten Weg Realität zu werden.

Auch wenn die Entwicklungen noch einige Fragen offen lassen ist das Potenzial neuer Techniken noch lange nicht ausgeschöpft. Die am Global Food Summit vorgestellten erfolgreichen Beispiele aus Europa, Kanada, USA, China oder Bangladesch sind nur der Anfang. Weitere werden und müssen folgen. «Trends erkennen, Nischen besetzen und Innovationen vorantreiben sind Grundvoraussetzungen für notwendige Veränderungen. Doch es braucht auch den Willen zur Zusammenarbeit von Politik, Landwirtschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Start-ups und Querdenkern und der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, gewohnte Pfade zu verlassen, um die befürchtete Ernährungslücke erfolgreich zu schließen», fasst Dr. Simon Reitmeier, Geschäftsführer des Cluster Ernährung am Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) Bayern und Kurator des Global Food Summits, die Veranstaltung zusammen (Foto: KErn).